Nachrichten NOVEMBER 2016


GESUNDHEIT: Staat investiert 2 Millionen in Impfaufklärung

Zwolle.SB/VK/NRC. 17. November 2016

Noch kommen 90 Prozent der Eltern in den Niederlanden der Empfehlung des Staates nach ihre Kinder impfen zu lassen. In den letzten zwei Jahren allerdings ist ein leichter Rückgang bei den Kinderimpfungen festzustellen. Nun fordert das Rijksinstituut voor Gezondheid en Milieu ein Weiterbildungsprogramm für Kinder- und Jugendärzte und 2 Millionen extra Geld für intensivere Aufklärungsgespräche für Eltern, die erwägen ihr Kind nicht impfen zu lassen. Das hatte die Zeitung de Volkskrant heute berichtet.

Impfungen gehören wohl zu den größten medizinischen Erfolgsgeschichten der letzten 50 Jahre. Das Poliovirus etwa, war in der heutigen Großelterngeneration noch überaus gefürchtet, da es zu dauerhaften Lähmungserscheinungen oder gar zum Tod führen konnte. Allein in den Niederlanden hat die Einführung des staatlichen Impfprogrammes bis jetzt schätzungsweise 9.000 Kinderleben gerettet. Nun allerdings melden Eltern immer öfter Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Impfungen an.

Noch mache man sich keine Sorgen, so Hans van Vliet, Manager des staatlichen Impfprogramms: „Wir machen uns erst Sorgen, wenn sich der Trend weiter verschärft. Im Moment versuchen wir herauszufinden, was dahinter steckt.“ Eine interessante Frage. Über Impfungen sind allerlei Gerüchte im Umlauf. Nicht zuletzt das Internet bildet einen nicht zu kontrollierenden Kanal in dem die wildesten Gerüchten die Runde machen. Am hartnäckigsten hält sich wohl aber jenes Gerücht, dass Impfungen gegen Mumps, Masern und Röteln bei Kindern zu Autismus führen können. Tatsächlich beweisen zahlreiche Studien, dass es keine Beziehung zwischen diesen Impfungen und Autismus gibt. Auch ist es so, dass die heutige Elterngeneration nie die teilweise fatalen Folgen von diesen Kinderkrankheiten zu spüren bekommen hat. Dadurch verspüren immer weniger Eltern die Notwendigkeit ihre Kinder impfen zu lassen. Dazu mischt sich noch eine ordentliche Portion Misstrauen. Vor allem die pharmazeutische Industrie habe schließlich ein Interesse an Massenimpfungen, so die Impfgegner.

Analysiert man die gesellschaftlichen Gruppen, die sich dafür entscheiden ihre Kinder nicht impfen zu lassen, stellt man fest, dass die Impfverweigerer oder Zweifler nicht vornehmlich aus dem sogenannten Bijbelbelt stammen und sich aus religiösen Gründen gegen Impfungen entscheiden. Auch sind es nicht, wie pauschal oft vermutet wird, Eltern mit einem geringen Bildungshintergrund. Tatsächlich sind es vor allem gut gebildete Eltern, die einem bewussten und gesunden Leben einen großen Wert beimessen. Man kann die Zweifel am Impfen nämlich auch durchaus positiv formulieren: „In allen Schichten der Bevölkerung sind Menschen mündiger geworden, sie übernehmen nicht mehr einfach unreflektiert die Meinungen von Behörden oder Ärzten“, so Hans van Vliet. Genau darum müsse man mit den Eltern ins Gespräch kommen und ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Fragen und Zweifel in einem kompetenten Rahmen zu artikulieren.

Die Diskussion um das Impfen von Kindern läuft in den Niederlanden schon seit einiger Zeit. Vor zwei Jahren hatten sich in Den Haag 13 Kinder mit Masern angesteckt. Ein acht Monate altes Baby musste deswegen im Krankenhaus behandelt werden. Die Interessensvertretung von Eltern mit Kindern in einer Kindertagesstätte, fordern daher nun klarere Regeln und mehr Transparenz.

Im Moment ist es so, dass Eltern, die ihr Kind zum aller ersten Mal in die Kita bringen ein Formular ausfüllen müssen, auf dem sie angeben müssen, ob sie am staatlichen Impfprogramm teilnehmen. Gjalt Jellesma, Vorsitzerin der BOinK würde gerne einen Schritt weiter gehen. Er findet es keineswegs unangemessen, wenn Eltern einen Impfausweis vorlegen müssten, da viele Eltern verschweigen würden, dass ihr Kind nicht geimpft ist. Zwar erkennt Jellesma an, dass Eltern das Recht haben ihre Kinder nicht impfen zu lassen, dieses Recht ist für ihn aber nicht gewichtiger als das Recht der anderen Eltern auf Transparenz. Auf dieser Basis könnten Eltern immerhin eine Entscheidung darüber treffen, ob sie ihr Kind in dieselbe Gruppe mit einem Kind geben wollen, welches keine Impfung erhalten hat. Bereits vor zwei Jahren hatte der Minister für Soziales, Lodewijk Asscher, wissen lassen, dass es keine juristische Grundlage für Kindertagesstätten gebe, nicht geimpfte Kinder abzulehnen. Jellesma sieht das anders, er wies auf die allgemeinen Bedingungen von Kitas hin, worin stehe, dass Kinder abgelehnt werden dürfen, die eine Gefahr für andere Kinder darstellen:„Wahlfreiheit ist tief verwurzelt in der niederländischen Kultur. Hier herrscht der neoliberale Gedanke vor, dass jeder machen darf, was er oder sie richtig findet. Bis es schief geht.“