Nachrichten NOVEMBER 2016


VEREINTE NATIONEN: Für die Niederlande ist es noch ein weiter Weg um die Ziele für Nachhaltigkeit und Entwicklung zu erreichen

Heerlen.SB/TROUW/NRC/VK. 07. November 2016.

Das Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) hat am Freitag eine erste Messung mit Bezug auf die sogenannten „Sustainable development goals“ veröffentlicht, die letztes Jahr von allen 193 Ländern der Vereinten Nationen unterzeichnet wurden. Die Ziele für Nachhaltige Entwicklung, oder wie sie in den Niederlanden heißen „duurzaamheidsdoelen“, sind ein Nachfolger der Millenniums-Entwicklungsziele. Wie sich nun zeigt, gibt es bei den Niederlanden noch reichlich Platz nach oben.

Nach einer Laufzeit von 15 Jahren sind im letzten Jahr die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen ausgelaufen. Acht Ziele wurden damals formuliert: Bekämpfung von Armut und Hunger, Primärschulbildung für alle, Gleichstellung der Geschlechter, Senkung der Kindersterblichkeit, Verbesserung der Gesundheitsversorgung, Bekämpfung von HIV und Malaria und schließlich ökologische Nachhaltigkeit. Die Bilanz war am Ende durchaus positiv. Wenn auch nicht alle, konnten doch einige der Ziele, die formuliert worden waren, erreicht werden. Diese acht Ziele hatten sich allerdings auf Entwicklungsländer gerichtet und erschöpften sich vielfach in Transaktionen von Geld von „Nord nach Süd“. Die Erreichung der Ziele war also verhältnismäßig einfach. Es genügte Entwicklungshilfe zu leisten und Investitionen zu tätigen. „Jetzt aber mit den SGD’s müssen wir wirklich bei uns selbst anfangen“, sagte Hugo von Meijenfeldt, der die Ziele für Nachhaltige Entwicklung national koordiniert.

Und er hat Recht. Die „duurzaamheidsdoelen“ sind in der Tat ein anderes Kaliber als die Millenniums-Entwicklungsziele. Statt der vormals acht Ziele, gibt es nun 17 Hauptziele, unter denen es noch weitere 169 „Subzielsetzungen“ gibt. Diese sollen dann von insgesamt 230 Indikatoren, die von der Zugänglichkeit sauberen Trinkwassers bis hin zum Prozentsatz von nachhaltigem Tourismus reichen, erfasst werden. Es ist, wie es die Zeitung de Volkskrant trefflich beschreibt, die Rangliste aller Ranglisten. Denn sie guckt nicht nur nach dem üblichen Wirtschaftswachstum, sondern nach dem menschlichen Fortschritt im Allgemeinen.

Das ist Fluch und Segen zu gleich. Denn es gibt schon seit langem Kritik an der Praxis, alleinig das BIP als Maßstab für den menschlichen Fortschritt heranzuziehen. Noch in diesem Sommer hatte sich die Tweede Kamer für einen breiteren Wohlstandbegriff ausgesprochen. „Das Bruttoinlandsprodukt ist der Chef unter den Zahlen. Es ist ein Riese von einer Zahl, die uns häufig die Sicht auf Dinge, die wir auch wichtig finden, wie zum Beispiel eine saubere Umwelt und Menschenrechte, versperrt“, sagt Daniel Mügge, Professor an der Universität Amsterdam. Es ist richtig eine solch allumfassende Sicht auf die Dinge einzunehmen. Sie zollt der Komplexität unserer Tage ihren Tribut, aber das bringt auch Probleme mit sich. Wie sollen beispielsweise ärmere Länder eine solche statistische Messleistung vollbringen? Ein Land wie Kambodscha hat schon Schwierigkeiten damit, sich über die eigene Inflation eine Übersicht zu verschaffen. Saubere Messungen sind also nicht selbstverständlich und die Zahlen, die so nicht unbedingt die Wirklichkeit, sondern nur eine „papierene Wirklichkeit“ abbilden, können auch missbraucht werden. In Kenia beispielsweise wurde die Anzahl von Kindern die eine Schule besuchen maßlos überschätzt, weil es den Schulen mehr Geld einbrachte.

Die Niederlande haben noch einen weiten Weg vor sich, wenn sie die Ziele der Vereinten Nationen bis 2030 erreichen wollen. Vor allem in den Bereichen Klimawandel und erneuerbare Energien scoren die Niederlande unterdurchschnittlich. Außerdem ist die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit relativ hoch. Das größte Problem haben die Niederlande mit ihrer Energieversorgung. In der Rubrik Nachhaltige Energie landen die Niederlande, die einst als „das grüne Land“ bezeichnet wurden, mit 5,5 Prozent auf dem drittletzten Rang. Nur Malta und Luxemburg verfügen über noch weniger nachhaltige Energie. Was den Ausstoß von Treibhausgasen pro Kopf betrifft, so gehört er in den Niederlanden zu den höchsten von ganz Europa. Die Luftverschmutzung ist relativ hoch und die Niederländer produzieren verhältnismäßig viel Abfall, der noch zu selten recycelt wird. Auch die Biodiversität ist in Gefahr, immer mehr Pflanzen und Tiersorten verschwinden von der Landkarte. Überraschend ist wohl auch, dass die Niederlande als sogenanntes „feminines Land“ innerhalb der Kulturstandardtheorie mit Platz 18 einen der hinteren Ränge bei der Einkommensschere zwischen Männern und Frauen einnehmen. Auch die Zahl von Frauen in Führungspositionen ist noch ausbaubar. Hier gab es nur Platz 13.

Aber keine Sorge, so schlimm wie es hier suggeriert wurde, steht es natürlich nicht um die Niederlande. Insgesamt belegen die Niederlande einen guten achten bis neunten Platz. Denn so unterirdisch das Land in den oben genannten Kategorien abgeschnitten hat, so überragend hat es in anderen Bereichen gescort. Die Niederländer zeichnen sich zum Beispiel durch ein besonders hohes Vertrauen in die politischen Institutionen aus. Sie belegen hier Platz drei. Außerdem gibt es kaum Korruption, das Prinzip des lebenslangen Lernens funktioniert, der Zugang zu Pflegeeinrichtungen ist gut und die Niederländer sind relativ zufrieden mit ihrem Leben.

Zwar ist das Erreichen der Ziele freiwillig, aber die Niederländer haben sich einiges vorgenommen, um auf der Rangliste noch weiter nach oben zu klettern: „Die Niederlande haben gesagt: Wir erreichen das Ziel. Damit stehen wir am Vorabend eines großen Überganges. Wir wissen jetzt, dass wir in einigen Bereichen eingeknickt sind. Unsere Antwort darauf wird einschneidend sein. Und dabei wird die Wirtschaft eine große Rolle spielen“, kommentierte von Meijenfeldt.

Und so ist es. Bereits für den 8. Dezember ist eine Konferenz zu den SDG’s angesetzt. Dann werden rund 450 Funktionäre aus der freien Wirtschaft, verschiedenen NGO’s und dem Staat zusammentreffen, um über die Entwicklungsziele zu beraten. Denn eins ist klar, hier kann nur etwas erreicht werden, wenn alle zusammenarbeiten.