Nachrichten November 2016


GESELLSCHAFT: "Wir sind Niederländer" - Zur Abschaffung des Wortes "allochtoon"

Amsterdam. SW/VK/NOS/TROUW/PAROOL. 07. November 2016.

Am vergangenen Dienstag gaben das niederländische Statistikamt CBS und der wissenschaftliche Rat für Regierungspolitik (WRR) bekannt, dass sie in Zukunft auf den Gebrauch der Wörter “allochtoon” und “autochtoon” verzichten werden. Die Begriffe seien stigmatisierend und nicht mehr zutreffend. Stattdessen werde man in Zukunft von Niederländern mit und ohne Migrationshintergrund sprechen, teilte der WRR mit. Auch werde man auf die Differenzierung “westlich” und “nicht-westlich” verzichten, da diese generischen Ausdrücke der Heterogenität der Gesellschaft nicht mehr gerecht würden. Passender sei es Migranten anhand ihrer Herkunft oder ihrem Migrationsmotiv zu unterscheiden. Der CBS-Chefdemograf Jan Latten: “Wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen.”

Der Entscheidung geht schon eine jahrelange Diskussion über den Gebrauch der Begriffs “allochtoon” voraus, der zunehmend eine negative Konnotation erworben hat. 2006 versuchte der Gemeinderat in Amsterdam erfolglos das Wort zu streichen. 2008 unternahm der damalige Justizminister Hirsch Ballin einen weiteren Versuch. Im März wurde der Integrationsminister Lodewijk Asscher von der Tweede Kamer aufgefordert, zu untersuchen inwiefern die Begriffe ersetzt werden könnten. Jan Latten verteidigt die Entscheidung: “Die gesellschaftliche Debatte erfordert dies. Es gibt seit Jahren Diskussionen. Das hat nichts mit politischer Korrektheit zu tun, es ist eine Anpassung an die Atmosphäre und die Gefühle der Menschen.”

Gemäß der CBS-Definition, die sich von der des Wörterbuchs Van Dale unterscheidet, galt bislang ein niederländischer Bürger, der nicht in den Niederlanden geboren wurde oder von wem mindestens ein Elternteil außerhalb der Niederlande geboren wurde, als “allochtoon”. Gemäß dieser Definition sind, zum Beispiel, die meisten Angehörigen des niederländisches Königshauses “allochtonen”. “Allochtoon” und “autochtoon” wurden vom WRR erstmals 1989 verwendet, in einem Versuch einen neutralen Begriff für die zuvor als Gastarbeiter oder Immigranten beschriebenen Personengruppen zu finden.

Die Entscheidung hat eine breite Diskussion über Integration und Diskriminierung, über von oben auferlegte Political Correctness und Symptombekämpfung in den Niederlanden losgetreten. Der Kolumnist und Autor Arthur van Amerongen kritisierte die Entscheidung in der Zeitung De Volkskrant aufs Schärfste: “Wenn man es überspitzt wiedergeben möcht, könnte man es die niederländische Krankheit nennen: politisch korrekte Lösung finden für nicht-existierende Probleme.” Auch der Rechtspopulist Geert Wilders teilte in einer Videobotschaft mit, die Entscheidung abzulehnen: “Es ist doch unglaublich, dass wir in den Niederlanden das Wort allochtoon nicht mehr verwenden dürfen. Der Staat denkt offensichtlich, dass die Probleme verschwänden, wenn man das Wort nicht mehr verwendet.” Der Professor für Interkulturelle Kommunikation an der Universität von Amsterdam, David Pinto, kritisiert die Entscheidung ebenfalls: “Dies ist die Bekämpfung eines Symptoms anstatt der Ursachen.”

Es gab jedoch auch Menschen, die die Entscheidung begrüßten, wie etwa der Sprachwissenschaftlicher Wim Daniels. Seiner Meinung nach hatte das Wort schon lange seine eigentlich Bedeutung verloren und war zu einem Sammelbegriff verkommen: “Wir haben den Weg verloren, der Begriff ist nicht mehr verwendungsfähig. Zu viele Menschen werden damit angedeutet, auch die Kinder von Eltern, die hier geboren wurden. Und wir sind zu inkonsequent im Gebrauch. Gemäß der Definition sind die Töchter von Willem-Alexander allochtonen, aber niemand würde auf die Idee kommen, ihre Mutter Maxima so zu nennen.” Bei der belgischen Zeitung De Morgen, die schon seit 2012 auf die Begriffe verzichtet, befürwortet man die Entscheidung in den Niederlanden: “Journalistisch betrachtet, war es ein unscharfer Begriff. Er bedeutet alles und nichts. Er war ein Grund geworden, nicht mehr rausfinden zu müssen, wie es wirklich ist.”

Viele Zeitungen befragten im Zusammenhang mit der Diskussion Bürger, die bis vor kurzem als “allochtonen” galten, wie sie die Entscheidung beurteilen. Einer der bekanntesten Interviewpartner war der surinamisch-stämmige Comedian Jörgen Rayman, der der Entscheidung skeptisch gegenüber steht: “Es fängt damit an, uns alle als Niederländer zu betrachten. Sobald man nun über Niederländer mit Migrationshintergrund und Niederländer ohne Migrationshintergrund spricht, entsteht wieder eine Trennung. Es ist dasselbe Produkt mit einem anderen Etikette.” Er ist nicht der einzige, der in der Zukunft weitere Stigmatisierung befürchtet, auch der 22-jährige Levente Verwoort sieht es so: “Die neue Terminologie ist nur eine Hülle für den institutionalisierten Rassismus in den Niederlanden, denn die vorherigen allochtonen werden weiterhin diskriminiert werden, jetzt mit einem neuen Stempel.” Die 18-jährige Bahijna Chihib hält die Entscheidung jedoch für enen Schritt in die richtige Richtung: “Ich finde es besser, das unglückselige Wort allochtoon endlich abzuschaffen. Rot, gelb oder lila: Wir sind Niederländer.” Ob sich die neue Umschreibung durchsetzt und ob diese auch in Zukunft wertfrei bleibt, bleibt also abzuwarten.