Nachrichten dezember 2016


GESELLSCHAFT: Immer weniger Migranten fühlen sich in den Niederlanden zu Hause    

Den Haag. SB/VK/NRC/Trouw/Bpb. 15. Dezember 2016.

Integration in Sicht? Dieser Frage ist  das Sociaal en Cultureel Planbureau in einer Langzeitstudie nachgegangen. Heute wurden die Ergebnisse veröffentlicht und die Antwort fällt ernüchternd aus. Zwar finden weniger Niederländer, dass es in ihrem Land zu viele Migranten gäbe, die Migranten hingegen gaben an, sich in den Niederlanden immer weniger zu Hause zu fühlen.

Die Niederlande waren lange ein Vorzeigeland und galten als internationales Vorbild, wenn es um das Thema Integration ging. Scheinbar mühelos schaffte es das kleine Land die Neuankömmlinge in seiner Mitte aufzunehmen. Eine Illusion wie sich herausstellen sollte. 2001 sprach der Intellektuelle Paul Scheffer von einem „multikulturellen Drama“ und spätestens der kometenhafte Aufstieg des Islamkritikers Pim Fortuyn im Jahr 2002 ließ keinen Zweifel mehr daran, dass in den Niederlanden in diesem Zusammenhang etwas schief lief. Zulange war das Thema von der sogenannten „violetten Koalition“ aus VVD, PvdA und D66 vollständig ignoriert worden.

15 Jahre lang hat das Sociaal en Cultureel Planbureau daher Daten aufgenommen, um ein genaueres Bild davon zu bekommen, wie es in den Niederlanden nun wirklich um die Integration von nicht-westlichen Migranten bestellt ist. Untersucht wurden die vier größten Migrantengruppen: Türken, Marokkaner, Surinamer und Antillaner. Aus jeder Gruppe wurden etwa 1000 Menschen befragt. Die Ergebnisse wurden anschließend mit einer niederländischen Kontrollgruppe verglichen. Sie sind ernüchternd.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich in den letzten 15 Jahren für Migranten kaum verbessert und das, obwohl Migranten im Durchschnitt ein immer höheres Bildungsniveau erreichen konnten. 37 Prozent von ihnen haben lediglich Zeitverträge. Bei den Menschen ohne Migrationshintergrund sind davon nur 24 Prozent betroffen. Auch sind Einwanderer aus nicht westlichen Ländern drei Mal öfter von Arbeitslosigkeit betroffen, dies gilt auch für die Jugendarbeitslosigkeit. Das Risiko unter die Armutsgrenze zu rutschen ist vier Mal so groß wie bei Einheimischen. Die Gründe dafür sind laut dem SCP vielfältig. So verfügten die Migranten beispielsweise über ein weniger gut funktionierendes Netzwerk, wie Niederländer ohne Migrationshintergrund: Je mehr Menschen man kennt, desto größer die Chance einen Job zu finden. Aber auch Diskriminierung und ein weniger effizientes Suchverhalten auf Seiten der Migranten werden hier angeführt. Vor allem die Finanzkrise habe den positiven Trend der sich Anfang der 2000 Jahre abzuzeichnen begonnen hatte, unterbrochen. Die Neigung von Arbeitgebern Migranten zu diskriminieren, so das SCP, sei in Krisenzeiten stärker ausgeprägt als in Zeiten von Hochkonjunktur.
Aber es gibt auf diesem Feld auch Positives zu vermelden. So ist die Anzahl der arbeitenden Frauen gestiegen und insgesamt zeigt sich, dass mehr nicht-westliche Migranten einen Beruf auf „höherem Niveau“ ausüben.

Die, im Vergleich zum Beginn der Studie, besseren Leistungen im Bereich Bildung und die Tatsache, dass Migranten immer häufiger weiterführende Schulen besuchen, hat indes nicht dazu geführt, dass Migranten automatisch eine engere Bindung zu ihrer neuen Heimat fühlen. Unter den Niederländern mit türkischen Wurzeln, die wohl am meisten in sich selbst zurückgezogene Gruppe, gaben 31 Prozent an, niemals mit dem Partner niederländisch zu reden. Weniger als 10 Prozent unter den Türken und Marokkanern heiraten außerhalb der eigenen Kreise. Außerdem empfinden diese Gruppen weniger Vertrauen gegenüber der niederländischen Polizei und der niederländischen Regierung. Der Justiz vertrauen hingegen vor allem Marokkaner mehr als die Einheimischen.

Was den Bereich Kriminalität angeht, so dominieren auf diesem Feld immer noch die Niederländer mit Migrationshintergrund, auch wenn die Statistik eine langsame Abnahme der Straftaten von Migranten zeigt. Die Rückfallrate von einmal straffällig gewordenen Marokkanern und Antillanern ist mit 39 bzw. 38 Prozent in einem Zeitraum von sechs Jahren höher als unter den straffällig gewordenen Niederländern, die im genannten Zeitraum  nur zu 22 Prozent wieder eine Straftat begehen. Außerdem zeigt die Studie, dass nicht-westliche Migranten auch häufiger Opfer von Kriminalität werden und ihre direkte Wohnumgebung als weniger angenehm erfahren. Trotzdem: Immerhin 70 Prozent gaben an, mit der eigenen Wohnung zufriedenen zu sein.

Was besonders hervorsticht, wenn man die Studie liest, ist, dass es offensichtlich einen Wahrnehmungsunterschied zwischen Niederländern mit und ohne Migrationshintergrund gibt. Türken, Marokkaner und Antillaner beispielsweise fühlen sich nur noch zu 60 Prozent in den Niederlanden zu Hause. Das sind weniger als noch vor 15 Jahren. Im Gegensatz zu den Niederländern ohne Migrationshintergrund, nehmen sie die Niederlande immer weniger als ein offenes Land wahr, das jedem gleiche Chancen garantiert. Das steht in einem starken Kontrast zu den Aussagen der Kontrollgruppe, die im Bezug auf das Thema Migration mehr Optimismus an den Tag legt als noch zu Beginn des neuen Jahrtausends. Statt 50 glauben nur noch 30 Prozent der Befragten, dass ethnische Spannungen in den Niederlanden in absehbarer Zeit zunehmen werden. Auch wenn das nicht wegnimmt, dass sich die meisten Niederländer über alles sorgen, was auf dem Sektor Immigration und Integration passiert. Außerdem glauben weniger Niederländer, dass es zu viele Migranten im Land gibt. Dieses Ergebnis ist in Zeiten von polarisierenden politischen Äußerungen wie die „weniger Marokkaner-Aussage“ von Geert Wilders und der hitzigen „Zwarte Piet Debatte“ durchaus überraschend. Es zeigt aber auch, dass es eine Diskrepanz zwischen Einheimischen und Zugewanderten gibt: „Autochtone Niederländer finden, dass die Niederlande immer offener werden und es mehr Gleichberechtigung gibt. Gerade darüber denken Migranten allerdings negativer. Sie haben immer weniger das Gefühl, dass sie dazugehören und finden, dass das gesellschaftliche Klima rauer wird.“, so Iris Andriessen vom SCP.

Wie kommt das? Iris Andriessen versucht eine Erklärung zu geben, indem sie zu bedenken gibt, dass Menschen mit Migrationshintergrund für derartige Fragen auch durch die vielen, teils emotional aufgeladenen gesellschaftlichen Debatten, sensibler geworden sind. Sie erkennen jetzt – und das nicht zu Unrecht – das Problem [die mangelnde Integration] besser.