Nachrichten November 2015


Rassismus: Zwarte Piet-Diskussion auch in Deutschland

Potsdam. AF/SW/RBB/MAZ/NOS/NRC/PNN/VK. 05. November 2015.

Der Potsdamer Gemeinderat will das Sinterklaas-Fest im Holländischen Viertel der Stadt dieses Jahr nicht finanziell unterstützen, wenn die umstrittene Figur des Zwarte Piet mit von der Partie ist, meldete die Lokalzeitung Potsdamer Neueste Nachrichten Mitte Oktober. Der Förderverein zur Pflege niederländischer Kultur in Potsdam sagte den Sinterklaas-Einzug daraufhin ab. Stattdessen wird nun ein niederländisches Adventsfest stattfinden. „Die Haltung unserer niederländischen Partner: `Sinterklaas kann nicht ohne Zwarte Pieten!!! ... Sinterklaas ist ein Kinderfest ...´ respektieren wir“, lautet es auf der Website des Vereins. Inzwischen sind auch die niederländischen Medien auf die Diskussion in Potsdam aufmerksam geworden.

Die Stadt Potsdam will sich in diesem Jahr nicht finanziell am Sinterklaas-Fest im Holländischen Viertel beteiligen, wenn der Zwarte Piet dabei ist. Die Darstellung der Figur sei rassistisch und antiquiert, lautet die Kritik. Bereits beim Sinterklaas-Fest im vergangenen Jahr hatte es eine Demonstration von circa 30 Menschen gegeben, die gegen Zwarte Piet protestierten, zudem beschwerten sich dieses Jahr unter anderem eine Gruppe Studierenden, der Flüchtlingsrat und der Verein Postcolonial Potsdam. Der Förderverein zur Pflege Niederländischer Kultur sagte jedoch aus, man sei gebunden an die Traditionen und Darstellungen so wie sie in den Niederlanden und bei den niederländischen Partnern üblich sind, man könnte deswegen keinen andersfarbigen Piet einführen oder auf Zwarte Piet verzichten. Deshalb verzichte man lieber auf den Sinterklaas-Einzug. Im Frühjahr hatten die beteiligten Parteien zunächst noch nach einer Kompromisslösung gesucht, zum Beispiel ein bunter Piet. Dies war jedoch daran gescheitert, dass die niederländischen Partnerorganisationen einen Sinterklaas ohne Zwarte Piet nicht akzeptierten.

Stattdessen lädt der Förderverein am 12. und 13. Dezember nun dazu ein, sein niederländisches Adventsfest zu besuchen. Wie in den vorangegangen Jahren auch werden die Besucher die Gelegenheit haben, an holländischen Handwerksständen entlangzuschlendern, wie etwa dem Holzschuhmacher oder dem Kniepertjes-Bäcker. Für Kinder werden landestypische Spiele wie das Sjoelbrett oder Jakkolo zur Verfügung stehen. Auch hierfür hat der Förderverein Gelder von der Stadt Potsdam beantragt, schätzungsweise 16.000 Euro, und man ist zuversichtlich, die Gelder zu erhalten, so sagt Förderverein-Chef Hans Göbel gegenüber dem RBB: „Wir gehen davon aus, dass wir sie bekommen.“

Die öffentliche Diskussion in Potsdam wurden auch in niederländischen Medien aufgegriffen, so überschrieb etwa das NRC Handelsblad einen Artikel zum Thema mit den Worten: „Sinterklaas ist nicht mehr willkommen in Potsdam“. Auch der NOS-Korrespondent in Berlin, Jeroen Wollaars, widmete sich dem Thema und sprach mit einigen Beteiligten vor Ort. Diese betonten noch einmal, dass sie an die Wünsche der niederländischen Partner gebunden seien. So sagte Jörg Beier, Mitglied im Sinterklaas-Komitee: „Ihr [die Niederlande, Anm. d. Red.] müsst [etwas] ändern, nicht wir.“  

„Unserem Verein steht es nun mal nicht zu, niederländische Sitten und Gebräuche umzudeuten ”, wird Göbel vom NRC Handelsblad zitiert. „Entweder es gibt einen Zwarten Piet oder keinen Piet.” Erst wenn die Niederlande ihre Tradition ändere, fühle Göbel sich berechtigt Sinterklaas nach Potsdam zurückzuholen. Dann selbstverständlich mit bunten Pieten. Vielleicht ändert sich ja tatsächlich bald etwas bei der niederländischen Pieten-Tradition: Der Kinder-Fernsehsender Nickelodeon präsentierte am Donnerstag ein ungeschminktes Pieten-Team, das in der Sinterklaas-Serie Op weg naar pakjesavond (dt.: Auf dem Weg zum Nikolausabend) auftreten wird. Da es sich um Schauspieler mit verschiedenen ethnischen Hintergründen handelt, gibt es in dem Team Pieten mit den verschiedensten Hauttönen.

Schwarz bemaltes Gesicht, dicke, rote Lippen, schwarze, krause Locken

Seit 1996 organisiert der Förderverein zur Pflege niederländischer Kultur in Potsdam einen Sinterklaas-Umzug nach niederländischem Vorbild. In den Niederlanden wird das Nikolausfest seit dem 19. Jahrhundert unter anderem mit einem festlichen Einzug des Sinterklaas und seines Gefolges gefeiert. Der heilige Nikolaus reist mit dem Schiff an, bringt sein Pferd mit, auf dem er später durch die Stadt reitet, und wird von einer Gruppe Helfer, sogenannter Zwarte Pieten, begleitet. Diese Begleiter haben ein schwarz bemaltes Gesicht, dicke, rote Lippen, schwarze, krause Locken und tragen goldene Ohrringe. Ihre Kostüme erinnern an Pagenuniformen aus dem 18. Jahrhundert.

In den 1980er wurde in den Niederlanden erstmals öffentlich darüber diskutiert, ob durch die Darstellung rassistische Vorurteile über schwarze Menschen bestätigt und verstärkt würden. Jedes Jahr zur Nikolauszeit lodert seitdem die Diskussion in Teilen der Bevölkerung wieder auf. Bisher ohne große Folgen.
Dass die Diskussion im Januar 2013 die Landesgrenzen verließ (NiederlandeNet berichtete), scheint die gesellschaftliche Debatte in den Niederlanden in gewissem Maße angestoßen zu haben, die Tradition scheint sich peu à peu zu verändern. So liefen beim nationalen Sinterklaas-Einzug im vergangenen Jahr neben schwarzen Pieten auch Stroopwafelpieten und Kaaspieten mit (NiederlandeNet berichtete). Dieses Jahr kommt Sinterklaas am 14. November in Meppel (Provinz Drenthe) an. „Das Sinterklaaskomitee hat erklärt, dass sowohl schwarze als auch rußverschmierte Pieten beim Einzug anwesend sein werden“, heißt es dazu auf sinterklaasmeppel.nl, der offiziellen Website zum Event.