Nachrichten August 2015


FREIHEITSFESTIVAL: Deutsch-niederländischer Abend mit Tessa de Loo

Münster. AF. 26. August 2015.

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Schriftstellerin Tessa de Loo im Gespräch mit Professor Friso Wielenga vom Zentrum für Niederlande-Studien, Quelle: NiederlandeNet/Angelika Fliegner

Im Rahmen des Festivals „Für Freiheit – Voor Vrijheid“ las die niederländische Schriftstellerin Tessa de Loo am Mittwochabend am Zentrum für Niederlande-Studien in Münster aus ihrem Roman „Die Zwillinge“. Im anschließenden Gespräch mit Zentrumsdirektor Prof. Dr. Friso Wielenga berichtete de Loo nicht nur über die Entstehungsgeschichte des Romans und die unterschiedlichen niederländischen und deutschen Reaktionen auf das Buch, sondern ging auch auf den Stellenwert von Freiheit in ihrem Werk und im heutigen Europa ein.

„Der Roman ‚Die Zwillinge‘ ist nach dem ‚Tagebuch der Anne Frank‘ wohl das bekannteste niederländische Buch zum Zweiten Weltkrieg“, so Professor Friso Wielenga in seiner Begrüßung. Der Roman erzählt das Leben zweier Zwillingsschwestern, die als Waisenkinder getrennt werden: Lotte wächst in den 1930ern in den Niederlanden auf, Anna in Deutschland. Als alte Frauen treffen sie zufällig im Kurort Spa wieder aufeinander und versuchen, Verständnis für die jeweils andere Seite zu entwickeln. In den Niederlanden verkaufte sich das Buch eine Million Mal, in Deutschland waren es 300.000 Exemplare. „Auch wenn es beim Freiheitsfestival um die Zukunft geht, schauen wir heute zunächst in die Geschichte zurück“, so Wielenga.

De Loos Roman, veröffentlicht im Jahr 1993, ist mehr als eine mitreißende deutsch-niederländische Familiengeschichte, denn er beleuchtet auch die Beziehung zwischen beiden Ländern während des Zweiten Weltkriegs und nach 1945. „Ich habe das Buch nicht geschrieben, um die deutsch-niederländischen Beziehungen zu verbessern. Das war gar nicht meine Absicht“, erklärte Tessa de Loo lachend im Gespräch mit Wielenga. Das Buch sei vielmehr entstanden, um den eigenen inneren Konflikt zu bewältigen, nämlich trotz der relativ schwarz-weißen Geschichtsvermitttlung in der eigenen Jugend ein gewisses Verständnis für die Deutschen in der Nazizeit zu entwickeln.

De Loos niederländisches Selbstbild und ihr Bild von den Deutschen war Ende der 80er Jahre durch Gespräche mit einer deutschen Urlaubsbekanntschaft ins Wanken geraten. „Ich verstand langsam, wie die Leute in den 1930ern das erlebt haben. Doch mein Solidaritätsgefühl mit der niederländischen und der jüdischen Geschichte verbot mir, Verständnis zu entwickeln“, so de Loo.

Mit ihrem Roman löste de Loo damals sowohl auf niederländischer als auch auf deutscher Seite eine Flut von Reaktionen aus. „Kritiker mögen Bücher, die solche starke Gefühle hervorrufen, nicht“, lautete de Loos Erklärung auf die Fragen, weshalb der Roman bei den Rezensenten weniger gut ankam als beim Publikum. „Ich habe aus Deutschland viel mehr Briefe bekommen als aus den Niederlanden. Ältere Leute schrieben: Genau so war es! Jüngere Leute schrieben häufig: Jetzt verstehe ich es langsam!“

Dass die Geschichte auch Jahre nach ihrer ersten Publikation noch immer ein Publikum findet, zeigen nicht zuletzt die Verfilmung im Jahr 2002, zwei Theaterstücke zum Buch und der jüngste Plan, den Stoff zu einem Musical umzuarbeiten. Anfang Oktober soll das Musical Premiere in Amsterdam feiern. „Die Absicht dahinter ist wohl, neue Generationen für die Problematik zu interessieren“, so de Loo. „Musicals sind in den Niederlanden sehr populär, es könnte also funktionieren.“

Professor Wielenga unterstrich, dass de Loos Roman zur Verbesserung der deutsch-niederländischen Beziehungen Anfang der 1990er Jahre beigetragen habe. Auf seine Frage, wo die beiden Länder ihrer Meinung nach inzwischen stünden, antwortete die Autorin: „Jetzt müssen wir unsere Energie nicht mehr in diese Problematik stecken. Es ist schön, dass man zusammen die Freiheit feiert, doch Freiheit bringt auch Verantwortung. Alle europäischen Länder müssen nachdenken, wie wir die Flüchtlingsproblematik anpacken und wie die Wirtschaftskrise in den südeuropäischen Ländern.“

Die Veranstaltung war der Auftakt des zweitägigen Festivals „Für Freiheit – Voor Vrijheid“. Gastgeber sind das Zentrum für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität und das niederländische Nationaal Comité 4 en 5 mei. Die Veranstaltung bildet den Höhepunkt einer Reihe von Gemeinschaftsprojekten, die im Rahmen der Feierlichkeiten "70 Jahre Befreiung" stehen. An der Veranstaltung am 27. August wird auch der niederländische König Willem-Alexander teilnehmen (NiederlandeNet berichtete).

Stein des Anstoßes für diese deutsch-niederländische Kooperation war die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck am 5. Mai 2012 in Breda, in der er dazu aufrief, gemeinsam über Freiheit nachzudenken (NiederlandeNet berichtete).