Nachrichten November 2014


EUROPA: Niederländische Asylpolitik verstößt gegen Europäische Sozialcharta

Den Haag/Straßburg. KL/DT/NRC/TR/VK. 11. November 2014.

Die Niederlande müssen zukünftig auch bereits abgelehnten Asylbewerbern Nahrung, Kleidung und eine Unterkunft garantieren. Dieses Grundrecht werde bisher nicht hinreichend respektiert. Auch die Versorgung von Obdachlosen sei unzureichend. Zu diesem Ergebnis kam am Montag der Europäische Ausschuss für Sozialrechte (ECSR), der als Organ des Europarats über die Einhaltung der 1961 beschlossenen Europäischen Sozialcharta wacht.

Als Kläger traten die ökumenische Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und ein europäisches Bündnis nationaler Obdachlosen-Organisationen auf. Der zuständige Staatssekretär für Sicherheit und Justiz, Fred Teeven (VVD), erklärte zum ECSR-Beschluss, dass er zunächst abwarten wolle, was der Ministerausschuss des Europarats davon halte. Erst danach wird das Urteil rechtsgültig.

Die Entscheidung dürfte in den Niederlanden erneut für Zündstoff zwischen den Regierungsparteien sorgen. Die sozialdemokratische PvdA fordert von der rechtsliberalen VVD schon seit Monaten eine großzügigere Gangart in der Asylpolitik. Erst im vergangenen Mai es in der Koalition Streit um Ausnahmeregelungen für Asylbewerber mit Kindern gegeben (NiederlandeNet berichtete). Damals hatte der Menschenrechtskommissar des Europarats, Nils Muižnieks, die Niederlande gerügt, weil Flüchtlinge teilweise in Gefängnissen untergebracht wurden (NiederlandeNet berichtete). Diese Praxis wurde inzwischen abgeschafft.

Die PvdA-Parlamentarierin Attje Kuiken äußerte gestern zunächst Verständnis für die abwartende Haltung von Staatssekretär Teevens. „Die Niederlande müssen verhindern, dass Menschen auf der Straße landen. Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde, müssen letztlich in ihr Herkunftsland zurückkehren. Das gehört nach Ansicht der PvdA zu einer humanen und gerechten Asylpolitik.“ Das Urteil des Europäischen Ausschusses für Sozialrechte (ECSR) bezeichnete sie als „wichtig“. Daraus werde in einigen Monaten eine konkrete Empfehlung erarbeitet. Diese könne der Staatssekretär nicht vorwegnehmen.

Auch der VVD-Abgeordnete Malik Azmani vertritt die Ansicht, dass man mit politischen Maßnahmen noch abwarten sollte. Der niederländische Staat unterstütze abgewiesene Asylbewerber dabei, „ihrer Ausreisepflicht nachzukommen.“ Die VVD halte es für ein falsches Signal, Anreize für einen weiteren Verbleib der Betroffenen zu schaffen. Seine Partei unterstütze daher Teevens Vorgehensweise.

Die Protestantische Kirche in den Niederlanden (PKN) bezeichnete das Urteil unterdessen als „unglaublich gute Nachricht für alle Menschen, die gegenwärtig dazu verurteilt sind, auf der Straße zu leben von der Wohltätigkeit Dritter abhängig sind.“ Jeder Mensch habe ein Recht auf „Bett, Bad und Brot“. Es dürfe „kein Unterschied zwischen Staatsbürgern, Flüchtlingen oder Staatenlosen“ gemacht werden.

Amnesty International (AI) reagierte ebenfalls erfreut. Das Urteil bestätige, was die Kläger ohnehin längst gewusst hätten: „Die Situation von Menschen in Garagen und anderen leerstehenden Gebäuden oder improvisierten Notunterkünften“ verstoße gegen die Menschenwürde und damit gegen die Europäische Sozialcharta. Der Staat müsse „Menschen in Not, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus helfen.“