Nachrichten August 2014


BOYKOTT: Niederländische Wirtschaft von Handelssanktionen betroffen

Den Haag. /AD/AVROTROS/BNR/CBS/Elsevier/NOS/NRC. 15. August 2014.

Die niederländische Wirtschaft leidet unter dem von Russland auferlegten Handelsboykott für landwirtschaftliche Produkte aus der Europäischen Union. Das Den Haager Kabinett sowie niederländische Supermärkte rufen die Konsumenten deshalb verstärkt zum Kauf von niederländischem Obst und Gemüse auf. Währenddessen prognostizieren Zahlen der Statistikbehörde CBS aber auch, dass die Verluste für das Land im Rahmen bleiben werden.

Es war ein ungewohnter Anblick heute vor Beginn des ersten Ministerrates des niederländischen Kabinetts nach der Sommerpause. Wirtschafts-Staatssekretärin Sharon Dijksma (PvdA) kam mit einer Gemüsekiste mit dem Aufdruck „Holland“ auf dem Binnenhof in Den Haag an. „Es ist immer gut, holländisches Obst und Gemüse zu essen. Und aktuell besonders“, sagte die Sozialdemokratin medienwirksam in die Mikrophone der wartenden Journalisten. Brokkoli, Tomaten, Auberginen, Gurken und Äpfel waren dabei – welche Früchte aus den holländischen Gewächshäusern es bis auf den Kabinettstisch im Trêveszaal geschafft haben, wurde aber nicht bekannt.

Wohl aber gab es konkrete Maßnahmen, um die Verluste von niederländischen Landwirten und Gärtnern zu kompensieren. Diejenigen, die durch die von Russlands Präsident Wladimir Putin in der vergangenen Woche angekündigten Sanktionen gegen agrarische Produkte aus der EU betroffen sind, werden in naher Zukunft Arbeitszeitverkürzung für ihr Personal beantragen können. Zudem möchte das Kabinett Garantien schaffen, wonach Betriebe, die kurzfristig in finanzielle Schwierigkeiten geraten, trotzdem einen Kredit bei der Bank beantragen können: „Wir sehen, dass die Landwirtschaft der Motor der niederländischen Wirtschaft ist“, so Dijksma nach Ende des Ministerrates. „Es ist wichtig, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben und dass sich auch der Exportmotor weiter dreht.“

Damit reagierten die Minister auf einen Brief, den die beiden Arbeitgeberorganisationen VNO-NCW und MKB-Nederland sowie der Branchenverband LTO Nederland am Donnerstag nach Den Haag schickten. Die Organisationen forderten nationale und europäische Maßnahmen für besonders stark vom Boykott betroffene Unternehmer. Zusätzlich zu den niederländischen Maßnahmen wird in der kommenden Woche auch auf europäischer Ebene noch darüber beraten werden, welche Hilfsmaßnahmen es aus Brüssel für betroffene europäische Obst- und Gemüsebauern geben kann. Bereits zu Beginn der Woche soll nach Wunsch von EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos ein konkretes Maßnahmenpaket geschnürt sein. Momentan fühlen sich auch viele niederländische Supermärkte zum Handeln gezwungen. So meldet der Nachrichtensender NOS am Freitag, dass unter anderem Jumbo, Albert Heijn und Dirk an einer eigenen Kampagne für mehr Verzehr von heimischem Obst und Gemüse arbeiten.

Der russische Boykott, so hatte es Putin angekündigt, soll zunächst ein Jahr andauern. Für die Niederlande als bedeutendes Agrar- und Exportland war dies zunächst Schock. 500 Betriebe aus dem Gewächshaussektor seinen in ihrem Fortbestehen bedroht mutmaßte jüngst Nico van Ruiten vom Branchenverband LTO Glasbouw im Politmagazin EenVandaag. Der Dachverband LTO Nederland reagierte zuvor „geschockt“ auf die Sanktionen. „Es ist sehr beängstigend, dass Putin Lebensmittel als Sanktionsmittel einsetzt“, ließ der Verband gegenüber der Zeitschrift Elsevier wissen.

Jährlich wird aus den Niederlanden Obst und Gemüse im Wert von 600 Millionen Euro, Blumen im Wert von 350 Millionen Euro und Rohstoffe im Wert von 400 Millionen Euro nach Russland exportiert. „Mit Tomaten beladene Lastwagen an der russischen Grenze kehrten direkt um“, als die Sanktionen verkündet wurden. „Jetzt kommen sehr akut viele Tomaten auf den Markt. Der Preis sinkt extrem schnell“, so Frank Rijkers von der ABN Amro-Bank am Dienstag gegenüber nrcq.

So schlimm wie zunächst befürchtet wird es für die Niederlande aber wohl nicht ausgehen. Von insgesamt 4.000 niederländischen Exporteuren, die Güter nach Russland exportieren, sind nach Angaben der Statistikbehörde CDS lediglich 20 bis 25 sehr stark betroffen. Sie generieren über die Hälfte ihres Umsatzes auf dem russischen Markt. Weitere 350 Exporteure werden zwar auch von den Sanktionen erfasst, jedoch in viel geringerem Umfang. Nach Berechnungen des CBS hat der russische Boykott nur auf 0,1 Prozent des gesamten niederländischen Güterexports einen Einfluss. Im vergangenen Jahr wurden Waren, deren Einfuhr jetzt verboten ist, in einer Größenordnung von 527 Millionen Euro aus den Niederlanden nach Russland exportiert. Die Verluste würden somit in der gleichen Größenordnung anzusiedeln sein. Diesen Zahlen wiederspricht allerdings die Branchenorganisation GroentenFruis Huis. Laut ihren Berechnungen, die sie am heutigen Freitag präsentierte, hat der Obst- und Gemüsesektor Verluste im Umfang von einer Milliarde Euro zu befürchten.