Nachrichten AUGUST 2014


GEDENKEN: Widerstandskämpferin Atie Visser verstorben

Den Haag. /NRC/TR/VK. 25. August 2014.


Atie Visser war während des Zweiten Weltkriegs eine der wenigen Frauen im bewaffneten Widerstand. Unter dem Decknamen „Karin“ war sie als Kurier tätig und nahm an Raubüberfällen teil. Auch vor politischen Morden schreckte sie nicht zurück. 2011 beichtete Visser den Mord am vermeintlichen Landesverräter Felix Guljé – und sorgte damit in den Niederlanden für einigen Wirbel. Vergangene Woche verstarb die inzwischen 100-jährige Visser in Rotterdam, wie niederländische Medien am Samstag meldeten.

„Wir taten was wir wollten“, so Visser rückblickend über ihre Zeit im Widerstand. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg machten sie und „die Jungs“ so weiter. „Ein Richter? Ha!“ Am 1. März 1946 – also beinahe ein Jahr nach dem Krieg – liquidierte Visser den Leidener Ingenieur Felix Guljé. Gerüchten zufolge hätte sein Betrieb eine strategisch wichtige Brücke, die zerstört gewesen sei, wiederaufgebaut. Offiziell war Guljé zwar vom Vorwurf der ökonomischen Kollaboration freigesprochen worden, doch „in unseren Augen war Guljé ein Landesverräter“, so Visser. Wie sich später herausstellte, war dieses Urteil zu eindimensional. Denn Guljé versteckte während des Krieges selbst Juden und half untergertauchten Familien finanziell.

65 Jahre nach der Tat gestand Visser den Mord in einem Brief an den Leidener Bürgermeister Henri Lenferink, der das Geständnis öffentlich machte. „Das war eine Sache zwischen mir und Der Familie Guljé. Der Rest der Welt hat hiermit nichts zu tun“, reagierte Visser damals erbost.

Juristisch verfolgt wurde der Mord nicht. Wie die niederländische Staatsanwaltschaft 2011 wissen ließ, waren die Fakten verjährt. Zum Tatzeitpunkt, 1946, galt für Mord eine Verjährungsfrist von 18 Jahren. Auch die Ehrenauszeichnung, das Widerstands-Erinnerungskreuz, das die niederländische Regierung Visser 1982 verliehen hatte, wurde nicht zurückgefordert.

Der ehemalige Widerstandskämpfer Johan van Hulst verurteilte die Tat. Die Befreiung 1945 habe auch bedeutet, “dass die niederländischen Richter wieder Recht sprechen konnten“. Selbstjustiz sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zulässig gewesen. Auch die Entscheidung, dass Visser das Widerstands-Erinnerungskreuz behalten durfte, fand er „sehr schwierig“.