Nachrichten November 2013


MEDIZIN: Strafverfahren gegen niederländischen „Skandalarzt“ hat begonnen

Almelo. AF/Heilbronner Stimme/NOS/NRC/rechtspraak.nl/VK. 04. November 2013.

Der niederländische Neurologe Ernst J.S. muss sich seit heute vor dem Strafgerichtshof Overijssel verantworten. Er wird verdächtigt, bei mehreren Patienten falsche Diagnosen gestellt zu haben. Auch in Deutschland wird der Prozess mit Interesse verfolgt, da der Mediziner trotz der strafrechtlichen Verfolgung und der Aberkennung seiner Zulassung in seiner Heimat, zwischen 2004 und 2013 an verschiedenen deutschen Kliniken als Arzt angestellt war.

Heute wurde der Strafprozess gegen Ernst J.S. in Almelo eröffnet. Fünfzehn Sitzungstage sind anberaumt, maximal zwölf Jahre Gefängnisstrafe können über den 68-Jährigen verhängt werden, so das NRC Handelsblad. Es handle sich hierbei um den größten medizinischen Rechtsfall in der niederländischen Geschichte.

Dem Arzt wird vorgeworfen als Neurologe am Medisch Spectrum Twente (MST) in Enschede zwischen 1997 und 2004 viele falsche Diagnosen gestellt zu haben. Nicht nur, dass daraufhin unnötige Operationen anberaumt und falsche Medikamente verordnet wurden – eine Patientin beging Selbstmord, nachdem ihr fälschlicherweise mitgeteilt worden war, sie leide an Alzheimer. Zudem wird J. S. vorgeworfen, Rezeptblöcke gestohlen, Urkunden gefälscht sowie rund 88.000 Euro veruntreut zu haben.

2004 wurde er daraufhin vom MST entlassen. Genau wie die finanziell entschädigten Patienten bekam er eine Schweigepflicht auferlegt. Außerdem verpflichtete sich J. S. gegenüber dem MST dazu, nicht weiter als Arzt zu arbeiten. Der Absprache mit dem MST zum Trotz ging J. S. nach seiner Entlassung 2004 nach Deutschland und arbeitete in verschiedenen Privat-Kliniken. Zuletzt in der Klinik am Gesundbrunnen in Heilbronn (NiederlandeNet berichtete).

J.S. selbst erklärte in einem Interview mit dem NRC Handelsblad, das vergangenen Freitag abgedruckt wurde, er sei sich bewusst, welches „gigantisches Leid“ er seinen Ex-Patienten angetan habe. Es täte ihm leid und er entschuldige sich dafür. Mit Blick auf den Strafprozess sei er pessimistisch. „In den Knast – das ist nicht unwahrscheinlich. In meinem Fall – ich bin jetzt 68 Jahre alt – ist das schnell lebenslang. Doch was auch passiert, ich habe jetzt bereits lebenslänglich. Ich werde das alles mein ganzes weiteres Leben mit mir herumschleppen; das unvorstellbare Leid, das ich verursacht habe und das tiefempfundene Gefühl der Scham, das damit einhergeht.“

Verfahren vor dem Berufsgericht

Gleichzeitig erklärte J.S. am vergangenen Freitag als vor dem Berufsgericht in Zwolle ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet wurde, er bereue es nicht, dass er bei einer Frau im Jahr 2003 zu Unrecht Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert habe. Der Wissenstand über MS sei 2003 ein anderer gewesen als heutzutage. Gleichzeitig räumte er ein, dass „man im Nachhinein sagen kann, dass ich meinen grauen Zellen zu wenig Gelegenheit gegeben habe, eine andere Diagnose in Erwägung zu ziehen“.

Fünf ehemalige Patienten hatten das Verfahren vor dem Berufsgericht angestrengt, um zu verhindern, dass der Mediziner jemals wieder als Arzt arbeiten kann. Da J.S. seine Approbation bereits abgegeben hat, kann das Gericht maximal beschließen, dass der Arzt nie wieder eine Zulassung beantragen darf.