Nachrichten März 2013


STAATSBESUCH: Türkischer Protest gegen homosexuelle niederländische Pflegefamilie überschattet Besuch Erdogans

Den Haag. MWE/NOS/NRC/TR/VK/welt.de. 21. März 2013.

Heute besucht der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Niederlande. Am Vormittag wird er von Königin Beatrix empfangen und spricht danach mit dem niederländischen Premier Mark Rutte. Am Nachmittag reist er bereits wieder nach Ankara zurück. Der Besuch wird überschattet von einem sich anbahnenden diplomatischen Konflikt bezüglich der Unterbringung eines türkischstämmigen Jungen bei einem lesbischen niederländischen Paar.

Unfreiwillig steht der neunjährige Yunus schon seit einer Woche im Mittelpunkt der Debatte. Der türkischstämmige Junge aus Den Haag wurde mit fünf Monaten vom zuständigen Jugendamt aus seiner Familie herausgeholt, da es Anzeichen für Kindesmisshandlung gab. Zwei Frauen aus Den Haag nahmen ihn anschließend zu sich. Nun hat sich die leibliche Mutter des Kindes, die ebenfalls in den Niederlanden lebt, an die türkische Presse und den türkischen Ministerpräsidenten gewandt, und mit der Frage, ob es wünschenswert ist, dass türkische Kinder in christlichen oder homosexuellen Pflegefamilien untergebracht werden, in der Türkei, aber auch unter Türken in den Niederlanden eine Diskussion ausgelöst. Ministerpräsident Erdogan sagte der Mutter zu, den Jungen während seiner Staatsvisite besuchen zu wollen.

Obwohl man in Den Haag nun vermeiden will, dass 400 Jahre niederländisch-türkische Beziehungen, die im vergangenen Jahr gefeiert wurden (NiederlandeNet berichtete), in eine diplomatische Krise umschlagen, vertritt auch die Regierung einen klaren Standpunkt. Außenminister Frans Timmermans (PvdA) und Premier Mark Rutte (VVD) ließen verlauten, dass auch niederländische Pflegekinder türkischer Herkunft unter das niederländische Gesetz fallen: „Die türkische Regierung hat keine Verfügungsgewalt über diese Kinder.“ Auch Vizepremier Lodewijk Asscher (PvdA) sagte: ,,Es ist unangemessen und eine Anmaßung, wie die türkische Regierung sich einmischt. Es geht hier um einen Jungen mit einem niederländischen Pass. Eine der schönen Sachen in unserem Land ist, dass wir Niederländer unser Leben so führen können, wie wir es wollen – unabhängig von den Wünschen fremder Mächte."

Trotzdem versucht man die Sache aus dem Besuchsprogramm herauszuhalten. Ursprünglich wollte Erdogan die Islamitische Universität in Rotterdam besuchen. Dieser Besuch wurde nun aufgrund eines in Rotterdam angekündigten Protestes gegen die niederländische Pflegeelternschaft aus dem Programm gestrichen. In den Niederlanden lebende Türken hatten dazu aufgerufen.

Und auch Geert Wilders hält sich nicht aus dem Wirbel rund um den Staatsbesuch des türkischen Ministerpräsidenten heraus. Er forderte, Rutte müssen den Besuch absagen, da Erdogan ein „Homohasser, ein Zionistenhasser, ein Christenhasser und ein Kurdenhasser“ sei. Schon im vergangenen Jahr hatte Wilders im Vorfeld des Besuches des türkischen Präsidenten Abdullah Gül in den Niederlanden gefordert, dass dieser zuhause bleiben solle, weil er „Christen mobbt und Kurden schlägt“ (NiederlandeNet berichtete).

Das Jugendamt in Den Haag hielt es bei der Aufregung um Yunus und seine Mütter für angebracht, die drei an einem anderen Ort unterzubringen, bis wieder Ruhe eingekehrt sei. Ein Sprecher kritisierte allerdings, wie sehr die Aufmerksamkeit das Leben der Familie momentan belaste, da Yunus auch für eine Weile nicht zur Schule könne. Auch Asscher beurteilte die Situation als „besonders traurig“. Der Besuch Erdogans, der den Wirbel mitausgelöst hat, biete nun allerdings die Möglichkeit, dem Ministerpräsidenten zu erklären, dass in den Niederlanden nur das Wohle des Kindes im Mittelpunkt stehe.