Nachrichten Juli 2013


JUBILÄUM: Annektierte Gebiete seit 50 Jahren wieder deutsch

Elten/Selfkant. /DDL/EV/omroepgdl.nl/RD. 31. Juli 2013.

Um Mitternacht jährt sich die Rückgabe der im Jahr 1949 von den Niederlanden annektieren deutschen Grenzgebiete zum fünfzigsten Mal. Am 1. August 1969 – vor genau einem halben Jahrhundert – gingen Flächen im Umfang von 69 km2 im Tausch gegen 280 Millionen D-Mark nach 14 Jahren wieder in deutschen Besitz über. In den Ortschaften Elten und Selfkant sind die Spuren heute noch sichtbar.

Es war als eine Art Wiedergutmachung für die Leiden des Krieges gedacht: Nach einer Besatzungszeit von fünf Jahren, nach Erniedrigung und Terror, rund 250.000 Toten und einem ungefähren Schaden in Höhe von 25,75 Milliarden Gulden war der Großteil der Niederländer nach der Bedingungslosen Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 extrem antideutsch eingestellt und verlangte nach „Genugtuung“. Die Forderungen, die als Kompensation für die von deutschen Soldaten gefluteten Polder und weitere extreme Kriegszerstörungen und Kriegsverbrechen diskutiert wurden, gingen von hohen Schadenersatzzahlungen über die Annektierung deutscher Gebiete und der Abschaffung des Deutschunterrichts bis zur Ausweisung aller Deutschen aus den Niederlanden.

Wiedergutmachungspläne für den erlittenen Schaden

Besonderer Beliebtheit erfreuten sich dabei Pläne, um Teile des niederländisch-deutschen Grenzgebietes den Niederlanden zuzuschlagen. Über Art und Umfang kursierten nach 1945 sehr unterschiedliche Entwürfe. Die ältesten und weitreichsten sahen dabei vor, einen Streifen Land von Wilhelmshaven im Norden über Oldenburg, Osnabrück, Münster, Mönchengladbach und Köln nach Aachen im Süden an die Niederlande abzutreten – ein Gebiet mit einer Größe von rund 10.000 km2 und etwa 1,5 Millionen Einwohnern, welche aus ihrer Heimat vertrieben werden mussten. Sowohl die alliierten Siegermächte als auch hohe niederländische Politiker waren jedoch gegen derart weitreichende Annektierungen, da man keine Rachegelüste wie nach dem Ersten Weltkrieg herausfordern wollte. Bis zum Jahr 1947 verringerten sich die Wiedergutmachungsforderungen zudem immer weiter. Am Ende blieb es nur noch bei einem Gebiet vom 69 km2 mit 9.553 Einwohnern – einer im Vergleich zu den ersten Forderungen sehr mageren Ausbeute. Die zunächst weitreichenden Annektierungsforderungen wurden so schließlich zu 19 „Grenzkorrekturen“, von denen die bedeutendsten die der Ortschaften Elten (3.255 Einwohner) bei Emmerich und Selfkant (5.665 Einwohner) bei Sittard waren.

Die Bewohner der annektierten Gebiete mussten sich ab dem 23. April 1949 auf niederländische Behörden, Gerichte und Berufsverbände einstellen; der Weg zur Arbeit in die nahgelegenen deutschen Gebiete wurde zum genehmigungspflichtigen Grenzübertritt. Die legale Besetzung durch die Niederlande begann an jenem Samstag um punkt 12 Uhr am Mittag, als etwa in Elten mit Maschinengewehren bewaffnete Mitglieder des niederländischen Grenzschutzes in Jeeps zum Rathaus fuhren und dieses einnahmen. Bis auf einen angetrunkenen Mann, der die deutsche Nationalhymne sang, blieb es ruhig im Ort. In den Tagen und Wochen nach Beginn der niederländischen Auftragsverwaltung merkten die Einwohner Eltens schnell, dass die niederländische Regierung weder auf Rache sann noch zwangsweise Niederländer aus ihnen machen wollte. Die Neubürger galten zwar vor dem Gesetz als Niederländer, behielten aber ihre deutsche Staatsangehörigkeit. In Selfkant hingegen war die Bevölkerung auch lange nach 1949 noch in eine pro-deutsche und eine pro-niederländische Fraktion geteilt. Dies lag wohl daran, dass im Herbst 1944 die Frontlinie quer durch diesen Ort verlief.

Nichtsdestotrotz haben beide Ortschaften stark von den niederländischen Jahren profitiert. Etwa durch viele neugierige Touristen, die seinerzeit in die neuen Landesgebiete reisten und so dem Fremdenverkehr zu einem Boom verhalfen. Nutzen konnten die Regionen aber auch aus umfangreichen Fördermaßnahmen von niederländischer Seite – etwa in Form von Wohnungsbauprogrammen – oder von finanzieller Unterstützung der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ziehen, welche die grenzkorrigierten Gebiete weiterhin an sich binden wollte. Zudem war die deutsch-niederländische Verständigung in diesen Orten vorbildlich für beide Länder: „Was eine nationalistische Kompensierung sein sollte, wurde ein Versuchsgarten von Zusammenarbeit“ schrieb so jüngst auch das Reformatorisch Dagblad anlässlich des Jubiläums.

Die Rückübertragung von 1963

Die niederländische Auftragsverwaltung sollte für den Großteil der annektierten Gebiete jedoch nicht von langer Dauer sein. Auch die niederländische Regierung merkte wenige Jahre nach der Gebietsübertragung, dass man die neuen Landesteile nicht dauerhaft würde halten können. Ab 1957 benutzte man sie dann auch als Druckmittel bei den mühsamen Verhandlungen über Schadenersatzzahlungen und die Kontrolle der Dollardregion bei Emden. Am 8. April 1960 schließlich waren sich beide Länder über das zurückdrehen fast aller Grenzkorrekturen und eine Zahlung von 280 Millionen D-Mark im Gegenzug einig. Bis zur endgültigen Rückübertragung sollten aber noch mehr als drei Jahre vergeben, bis Elten und Selfkant am 1. August 1963 wieder deutsch wurden. In der Nacht zum Monatswechsel kam es dabei in Elten zu der berühmt gewordenen „Butternacht“, nachdem hunderte Händler vor der Gebietsübertragung jeden freien Platz in dem Grenzort mit Butter, Eiern, Kaffee, Konservendosen und Textilien gefüllt hatten und volle LKWs mit diesen in Deutschland viel teureren Waren dort stationierten. Punkt Mitternacht – mit Wechsel der Zuständigkeit – konnten die Produkte, ohne Zollgebühren zu bezahlen, in Deutschland verkauft werden. Es wurden in dieser Nacht 50 bis 60 Millionen Gulden umgesetzt.

Auch heute, exakt fünfzig Jahre nach der Rückübertragung der Gebiete kann man in den beiden Ortschaften viele niederländische Spuren finden. Der Grenzverlauf zwischen den Niederlanden und Deutschland ist durch den seit dem Schengener Abkommen geltenden Wegfall der dauerhafter Grenzkontrollen nur noch sehr schwer zu erkennen und so sind es mehrheitlich gelbe Nummernschilder, die tagsüber am Marktplatz von Elten an den parkenden Autos zu sehen sind. Hinzu kommt, dass heute wieder sehr viele Niederländer in den ehemals annektierten Gebieten wohnen – in Selfkant momentan sogar rund ein Viertel der Einwohner. Viele von Ihnen zogen in den vergangenen zehn Jahren aufgrund der viel günstigeren Häuser- und Grundstückspreise dorthin.

Für weitere Informationen zu Elten während der niederländischen Zeit sei das Buch „Leben zwischen zwei Grenzen - Elten unter niederländischer Auftragsverwaltung 1949-1963“ (ISBN: ) empfohlen.