Nachrichten Juli 2013


MASERN: Streng gläubige Protestanten gegen Impfung

Den Haag. /FAZ/NOS/RTL/VRT. 05. Juli 2013.

In den Niederlanden sind die Infektionen mit der Kinderkrankheit Masern innerhalb einer Woche um 43 Prozent angestiegen. Die bekannten Fälle wuchsen von 161 auf 230, weswegen die Behörden bereits jetzt befürchten, dass es nach 1999 und 2000 in den Niederlanden wieder zu einer Masernepidemie kommen könnte. Seinerzeit gab es 3.300 Infektionsfälle, die vor allem in dem sogenannten Bibelgürtel – einer Region mit vielen orthodoxen Protestanten, die sich quer über das gesamte Land von der Region Zeeland im Westen bis nach Overijssel im Nordosten erstreckt – vorkamen. Genau dort brach die Krankheit in diesem Frühling auch aus.

Damit ist die Situation in den Niederlanden ähnlich bedrohlich wie in Deutschland, wo im ersten Halbjahr dieses Jahres 900 Fälle gezählt wurden und wo Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr unlängst die Diskussion um eine Zwangsimpfung anfachte. Anders als in Deutschland, wo es wie bei der gestern geschlossenen Waldorfschule in Erftstadt vor allem Anhänger anthroposophischer Strömungen sind, die einer Masernimpfung kritisch gegenüberstehen und das Durchstehen von Kinderkrankheiten als einen wichtigen Schritt in der Entwicklung eines Kindes sehen, kommen in den Niederlanden die streng gläubigen Protestanten als große Risikogruppe für eine Infektion hinzu. Die niederländische Gesundheitsbehörde RIVM spricht von 250.000 Menschen, die innerhalb des Bibelgürtels gefährdet sind.

Gottes Vorsehung

Aktuell herrschen die Masern auf drei Grundschulen und einer weiterführenden Schule innerhalb des Bibelgürtels. Die Eltern der dortigen Schülerinnen und Schüler gehören oftmals einer der reformierten niederländischen Kirchen an und sind der Auffassung, dass es Gottes Vorsehung sei, ob ein Mensch krank wird oder nicht. VRT-Korrespondentin Sabine Vandeputte führte hierzu ein Gespräch mit der streng gläubigen neunfachen Mutter Helena Burger und bekam einen Eindruck von deren Argumentation, in der Gott ganz oben steht: „Wir haben als Kind gesehen, dass unser Vater bei der Frage des wohl oder nicht Impfens durchaus zweifelte. Aber Gott hat ihn ermutigt und ihm gezeigt, dass es uns wieder besser gehen wird, wenn er Gott vertraut. Das ist auch passiert, wir sind alle wieder gesund geworden.“

Meinungen wie die von Helena Burger gehören mittlerweile aber der Minderheit an. Aktuell entscheiden sich 60 Prozent der orthodoxen Eltern für eine Masernimpfung ihrer Kinder. Hierzu trägt auch eine Kampagne bei, welche zurzeit von den lokalen Gesundheitsämtern durchgeführt wird. Diese besteht zum einen aus zusätzlichen Impfsprechstunden in den betroffenen Gebieten, welche jedoch aufgrund der starken sozialen Kontrolle unter den gläubigen Familien kaum angenommen werden. Erfolgreicher ist eine Briefaktion, in der die Gesundheitsämter Eltern anbieten, die Impfung bei ihnen zuhause durchzuführen. Etliche Kinder wurden bereits auf diese Weise geimpft, weshalb man die Aktion auch weiter fortsetzen möchte.

Ein freies Land

Die zuständige niederländische Gesundheitsministerin Edith Schippers sagte unterdessen, dass sie es unverantwortlich findet, wenn Eltern ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen. „Aber wir leben in einem freien Land“, so Schippers am vergangenen Dienstag. Die Ministerin hofft, dass sowohl im Bibelgürtel als auch bei den Anhängern von anthroposophischen Strömungen nochmals gut darüber nachgedacht wird, ob man wohl oder nicht impfen soll. „Nicht impfen ist sicherlich unvernünftig. Masern ist keine unschuldige Krankheit“, so Schippers.

Eine Zwangsimpfung, wie sie jetzt in Deutschland diskutiert wird, würde nach Ansicht des RIVM-Infektionsbekämpfers Roel Coutinho in den Niederlanden allerdings nicht viel bringen: „Es sind Menschen, die aufgrund prinzipieller Gründe nicht impfen, sie sind einfach nicht zu überzeugen. Früher wurde schon einmal gesagt: Man muss sich impfen lassen. Das hat aber nie funktioniert.“

Infektionsgefahr

In den vergangenen Jahren gab es in Europa verschiedene Masernepidemien – unter anderem in England, Frankreich und Wales. Die Infektionskrankheit ist hoch ansteckend und die Übertragung findet über eine Tröpfcheninfektion etwa beim Husten oder Nießen statt. Obwohl hauptsächlich Kinder und Kleinkinder an Masern erkranken, können auch Erwachsene infiziert werden, sofern sie als Kind nicht an Masern erkrankt waren. Eine Infektion im Erwachsenenalter verläuft dann aber zumeist schwerer. Die Symptome sind untypische Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum, Entzündung der Bindehaut, trockener Husten oder Fieber.