Nachrichten August 2013


UMWELT: Widersprüchliche Energiepolitik in den Niederlanden

Den Haag. AF/MWE/NOS/NRC/rijksoverheid.nl/schaliegasvrij.nl/VK. 28. August 2013.

Die möglichen Folgen und Risiken von Fracking für Natur, Mensch und Umwelt sind beherrschbar, so das Ergebnis einer Studie, die der niederländische Wirtschaftsminister Henk Kamp (VVD) am Montag vorstellte. Umweltverbände hingegen halten die vorgestellte Untersuchung für „unvollständig, unsorgfältig und unglaubwürdig“. Der einen Tag später vorgestellte Energieakkord hingegen sollte sie freuen, legt er doch fest, dass die Niederlande sich stärker für nachhaltige Energie einsetzen wollen.

Schaliegas – wörtlich übersetzt Schiefergas – ist ein unkonventionelles Erdgas, dessen Gewinnung schwieriger ist als die Gewinnung konventionellen Erdgases. Letzteres befindet sich in einer porösen Schicht, aus der, nachdem sie angebohrt wurde, bis zu 80 Prozent Gas gewonnen werden können. Schaliegas sitzt im Schiefer, der zunächst in drei Kilometer Tiefe aufgebrochen werden muss. Dazu wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien in die Erde gespritzt, die das Gas freisetzen soll. In Deutschland nennt man diesen Vorgang meist Fracking.

Der Bericht des Ingenieurbüros Witteveen+Bos – den dieses im Auftrag des niederländischen Wirtschaftsministeriums erstellt hatte – kommt zu dem Schluss, dass die mit der Suche und Gewinnung von Schaliegas verbundenen Risiken für Mensch und Natur zu kontrollieren seien. Der niederländische Wirtschaftsminister Henk Kamp sagte auf einer Pressekonferenz am Montag: „Wenn Erdgas durch Fracking auf eine verantwortungsvolle Art gewonnen werden kann, dann müssen wir das tun.“ Die Gewinnung von Schaliegas hätte für den niederländischen Staat enorme wirtschaftliche Vorteile. Man schätzt, dass sich zwischen 200 und 500 Milliarden Kubikmeter Gas im Boden befindet, dessen geschätzter Wert zwischen 20 und 30 Millionen Euro liegt. Über eventuelle Probebohrungen wird allerdings erst entschieden, nachdem eine weitere Expertenkommission ein Gutachten zur Studie des Ingenieurbüros Witteveen+Bos vorgelegt hat.

Die Stiftung Schaligasvrij Nederland kritisierte die Glaubwürdigkeit der Studie. So seien wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht gelassen und nur eine begrenzte Anzahl von Quellen genutzt worden. Auch die Kosten seien nicht aufgeschlüsselt. Aus diesem Grund könne man gar nicht sagen, ob Bohrungen überhaupt rentabel seien. Fracking birgt jedoch auch generelle Umweltrisiken. So kann es zu Verunreinigungen des Grundwassers kommen oder Erdbeben können im Umkreis der Bohrungen auftreten. Diese und andere Bedenken gegen die Gewinnung von unkonventionellem Erdgas hat die niederländische Umweltorganisation MilieuDefensie in einem Factsheet zusammengefasst.

Während die VVD für die Förderung von Schaliegas ist, ist die andere Regierungspartei, die PvdA, durch die Studie noch nicht überzeugt. Sie möchte das Erdgas nur fördern, wenn dies mit sauberen und innovativen Methoden geschehe. Darauf ginge der Bericht von Witteveen+Bos nur in sehr geringem Umfang ein. Zur Klärung offen gebliebener Fragen will Minister Kamp aus diesem Grund zunächst eine Diskussion mit lokalen Politikern und Bewohnern der betroffenen Gebiete diskutieren. So finden bereits Gespräche statt mit den Gemeinden Boxtel und Haren in Brabant und dem Nordoostpolder. Sollte das Kabinett im Oktober Probebohrungen beschließen, so wird es sicherlich noch einige Zeit dauern bis die entsprechenden Genehmigungen vorliegen und die Bohrungen tatsächlich durchgeführt werden können.

Der heute vom Sociaal-Economische Raad bestätigte Energieakkoord schlägt hingegen eine ganz andere Richtung ein. Das Abkommen ist das Ergebnis von Verhandlungen zwischen dem niederländischen Staat, der Wirtschaft, dem Energiesektor, Konsumentenorganisationen sowie Umweltschutzverbänden und legt den Schwerpunkt auf nachhaltiger Energie, die 2020 bei 14 Prozent und 2023 bei 16 Prozent liegen soll. Zudem werden fünf alte Kohlekraftwerke geschlossen und Geld für die Isolation von Wohnungen zur Verfügung gestellt. Ein neuer Windenergiepark ist ebenso in Planung wie 15.000 zusätzliche Arbeitsplätze. Darüber hinaus gibt es ab dem nächsten eine Steuervergünstigung auf Energie, die beispielsweise Solarzellenplatten entstammt. Insgesamt wollen die Niederlande jährlich anderthalb Prozent Energie einsparen.

Die Umweltorganisationen Greenpeace und Natuur en Milieu zeigten sich zufrieden mit den Kompromissen, auch wenn sie gerne noch weitere Punkte in den Vertrag aufgenommen hätten. Aber es sei gut, dass frühere Absprachen nun in konkrete Maßnahmen umgesetzt worden seien. Auch die PvdA ist zufrieden mit den Ergebnissen der Verhandlungen. Die VVD bezeichnete den Vertrag als realistisch. GroenLinks zeigte sich hingegen nicht so enthusiastisch wie die anderen Parteien. Für Parteichef Bram van Ojik (GroenLinks) ist der Energieakkord nur ein erster Schritt. So würde Schaliegas mit keinem Wort erwähnt und auch umweltverschmutzende Unternehmen blieben ungestraft.