Nachrichten September 2012


WAHL VOR ORT: „Es geht wirklich um etwas“

Amsterdam/Den Haag. Tobias Müller/AD/nrcnext/TR. 12. September 2012.

Wenn das kein Zeichen ist. Sonne und Regen begrüßen die ersten Wähler, die sich kurz nach Öffnung der Lokale in der Noorderkerk im Quartier Jordaan einfinden. Viertel vor acht am Wahlmorgen, das Wetter in der Hauptstadt scheint die Frage zu kommentieren, die das Land in Atem hält: PvdA oder VVD? Oder etwa beide gemeinsam in einem neuen „Paars“-Kabinett? „Darauf wird es rauslaufen“, sagt Eveline Aenderkerk, deren Tag mit einem Mißgeschick beginnt. Sie hat ihren Ausweis vergessen und muss noch einmal nach Hause, bevor sie ihre Stimme abgeben kann – für die VVD. „Ich hoffe, dass sie gewinnen. Aber Rutte und Samsom haben am Ende der Kampagne gezeigt, dass sie miteinander können.“

Doch bevor ab Donnerstag die vermutlich langwierige formatie, die Bildung einer neuen Koalition beginnt, steht den Niederlanden nach dem spannendsten Wahlkampf seit langer Zeit noch die Wahl bevor, und damit das „Rennen zwischen VVD und PvdA“, wie die Zeitung Trouw am Wahlmorgen titelt. Das Algemeen Dagblad macht daraus einen „Kampf der Titanen: Samsom oder Rutte“. Und auch die Wetterelemente bearbeiten sich noch. Die erste Runde macht der Regen, ein heftiger Schauer geht auf den Noordermarkt nieder. Wahlbüroleiter Huub Chermin genehmigt sich einen Morgenkaffee in der offenen Tür. Noch ist es zu früh, um etwas über die Resonanz zu sagen, doch bei seinem achten Einsatz hat der Mitarbeiter des Stadtteils Centrum allmählich einen Blick für Details entwickelt. „Auf alle Fälle ist es nicht ruhig.“

Viele Menschen mit Aktentasche und Anzug sind es, die auf dem Weg ins Büro noch das Wahllokal aufsuchen. Manche haben ihre Kinder dabei, die zur Schule müssen. Meneer Berbers, Ende 40, hat einen Dalmatiner und einen farblich passenden Regenschirm, und auch sonst setzt er Zeichen, etwa mit seiner Stimme für die liberalen D66, die schon seit Jahren sein Vertrauen genießen. Ein offensives Ja zu Europa in Zeichen grassierender Euroskepsis, dieses Profil ist einerseits mutig, andererseits bringt sich die Partei derart exponiert bei allen ins Bild, denen Europa ein Anliegen ist. Meneer Berbers allerdings geht es in erster Linie um etwas Anderes: Stabilität. „Es sind die x-ten Wahlen in kurzer Zeit. Ich will nicht in zwei Jahren schon wieder an die Urne.“

Die Frequenz, in der er seine Stimme abgibt, macht dem knorrigen älteren Herrn nichts aus, der gerade heraus auf den tröpfelnden Marktplatz stapft. „Nichts Besonderes“ seien die Wahlen für ihn, seine Erwartung formuliert er genauso knapp. „Eine Bewegung. In meine Richtung“. Und die wäre: „Wilders. Weil er Recht hat, mit vielen Themen. Immigration, aber auch Europa.“ Der PVV-Chef dürfte sich besonders freuen über diesen Wähler, der dort, mitten im verhassten „grachtengordel“ (dt. „Grachtengürtel“), dieser vermeintlichen Brutstätte aller linksliberalen, kosmopolitischen Abgehobenheit, ohne mit der Wimper zu zucken seine Zustimmung für die PVV äußert. Weil viele Wähler diese auch bei Umfragen lieber verbergen, schneidet die Partei traditionell besser ab als in den Prognosen. Auch vor ihrem Stunt 2010, als sie von neun auf 24 Sitze sprang, wiesen die Umfragen eher abwärts.

Heute liegt die PVV in den Umfragen bei etwa 20 Sitzen, knapp hinter der SP. Gestern Abend gab es noch einmal neue Zahlen, mit 35 liegt die VVD demnach knapp vor der PvdA (34). Andere Quellen sehen sie gleichauf. Eine weitere Debatte der Spitzenkandidaten, im Parlament, der letzte Akt eines einmonatigen Feuerwerks an Debatten und neuen Umfragewerten im schwindelerregenden Zwei-Tages-Rhythmus. Was bleibt da anderes als dem Klimax entgegenzutaumeln, und zwar nicht in der sprichwörtlichen Politikverdrossenheit, sondern aufgekratzt, mitgerissen von diesem merkwürdigen Wahlkampf und seiner völlig asymmetrischen Dramaturgie?

„Kann ich auch eine haben?“, fragt schon die zweite Passantin innerhalb weniger Minuten, und Floris de Roy gibt ihr eine dieser grün-weißen Karten mit dem Konterfei Alexander Pechtolds. „Und jetzt: vorwärts!“, macht der D66-Chef Mut. Floris de Roy, ein Mitglied der Amsterdamer Abteilung der Partei, und seine Mitstreiter nehmen das wörtlich. Seit sieben Uhr stehen sie vor dem Eingang des Amsterdamer Hauptbahnhofs, der neben dem üblichen Gewusel zur morgendlichen Stoßzeit auch ein politischer Markt ist.

In den prachtvollen hohen Räumen des Grand Café auf Bahnsteig 2 ist ein Wahllokal eingerichtet, neben der Menükarte auf den Tischen vor dem Eingang liegen Flyer der PvdA. Vor dem Eingang stehen Sozialisten, GroenLinks, die VVD verteilt Orangensaft und Floris de Roy meint, dass die Menschen an diesen Wahlen in besonderer Weise Anteil nehmen. „Es ist einiges passiert. Der Aufstieg von Wilders. Wir sind mitten in einer Krise. Es gibt diesmal wirklich etwas zu wählen, es geht um Einiges.“ Und Floris de Roy wäre in der falschen Partei, blickte er nicht an diesem Tag auch nach Karlsruhe und das anstehende ESM-Urteil.

Auf die Wahlbeteiligung scheint sich diese Anteilnahme vorerst nicht direkt auszuwirken. Um die Mittagszeit liegt sie im Bereich von vor zwei Jahren. Vor allem Rentner suchen das Wahllokal in der Van Boetzelaarlaan auf, einer ruhigen Wohngegend im Den Haager Stadtteil Scheveningen. Wenige Minuten von hier trifft sich heute Abend die VVD, um das Ergebnis abzuwarten und danach eine rauschende Party zu feiern.

Lisette Heuschen, 51, ist eher der PvdA zugeneigt. Im Rollstuhl fährt sie die Rampe des Wahllokals herauf und erzählt, dass sie der sozialen Agenda wegen die Sozialdemokraten wählt. Als Rheumatikerin, die seit beinahe 40 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, verfolgt sie eines der großen Kampagnethemen mit besonderem Augenmerk: die Frage, ob der Pflege- und Gesundheitsbereich marktwirtschaftlichen Elementen offen stehen sollte, und wenn ja, wie viel davon wünschenswert ist. Lisette Heuschen sieht dies kritisch. „Für mich würde das bedeuten, dass wenn ich alt bin und mehr Pflege brauche, diese in Minuten berechnet wird, und natürlich je nach Kassenlage dies als Belastung gesehen wird“.

Sozial oder liberal – auf diesen Gegensatz brachte es zu Beginn des Wahlkampfs die SP, als sie, auf einer sagenhaften Erfolgswelle schwimmend, gerade von ausländischen Medien als künftige stärkste Partei gesehen wurde. Inzwischen wirken ihre allgegenwärtigen Tomaten fast wie aus einem anderen Wahlkampf. Der Gegensatz aber bleibt – oder löst er sich doch auf, wie nicht nur Emile Roemer ahnt? In Den Haag scheint am Nachmittag jedenfalls die Sonne. Den Wahllokalen steht die Feierabend-Rush Hour ins Haus. Wie titelte nrcnext am Morgen? „Hehe, jetzt haben wir das Wort."

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