Nachrichten September 2012


GESUNDHEIT: Keine neue Hüfte für Ältere?

Den Haag. IW/AD/TR/VK. 06. September 2012.

Er ist nicht neu und wird vor Wahlen doch immer wieder neu aufgelegt: der Kampf gegen die Kosten im Gesundheitswesen. Dass die Kosten auch in der Zukunft weiter steigen werden, ist auch in den Niederlanden kein Geheimnis. Die Frage lautet aber auch dort, wer was wofür zahlt. Schon heute ist ein Vierpersonenhaushalt in unserem Nachbarland mit durchschnittlich einem Viertel seines Einkommens an den Kosten beteiligt. Und die im ‚Lenteakkord‘ festgelegte Eigenbeteiligung an den Kosten für Medikamente und Krankenhausbehandlungen von jetzt 220, im nächsten Jahr 350 Euro, wird aller Voraussicht nach nicht das Ende der Fahnenstange sein.

Die niederländischen Parteien sind sich darüber einig, dass die Kostenexplosion im Gesundheitswesen gestoppt werden muss. Über die Wege gibt es allerdings große Meinungsverschiedenheiten. In den aktuellen Wahlprogrammen stellen die Parteien ihre Lösungen des Problems vor. GroenLinks, D66 und PvdA wollen die Höhe der Eigenbeteiligung vom Einkommen abhängig machen. Die VVD fordert, die schon bestehende Eigenbeteiligung um einen Betrag von 150 Euro zu erhöhen. Der CDA plant, für jeden Besuch beim Hausarzt vom Patienten zusätzlich zur Eigenbeteiligung einen Betrag von 25 Euro zu erheben und das ebenfalls für den ersten Besuch in der Poliklinik beziehungsweise im Krankenhaus. Die SP möchte die Eigenbeteiligung auf 150 Euro kürzen. Sie will außerdem eine landesweite Budgetierung der Mittel für das Gesundheitswesen, was zur Folge hätte, dass Patienten auf ihre vielleicht lebensnotwendige Behandlung warten müssten, wenn dieses Budget erschöpft ist. Auch die PvdA sieht eine Budgetierung der Mittel vor, im Gegensatz zur SP allerdings auf regionaler Ebene.

In einer Gesellschaft, die immer älter wird, steigen die Kosten im Gesundheitssektor besonders stark. Bei den Ausgaben für Alte und Behinderte, die in den Niederlanden durch die allgemeine Pflegeversicherung AWBZ und das Gesetz über gemeindegebundene zusätzliche Leistungen WMO verwaltet werden, planen die Parteien die größten Einsparungen. Damit drohen besonders die Schwächsten der Gesellschaft von den Sparmaßnahmen am stärksten getroffen zu werden.

Als Begleiterscheinung des Wahlkampfes nimmt die Suche nach Einsparmöglichkeiten im Gesundheitssektor aktuell fast schon makabere Züge an. So sieht der Vorsitzende des niederländischen Hausarztverbandes LHV, Steven van Eijck, Sparmöglichkeiten bei der Behandlung von Krebspatienten. Die Hausärzte sollen einer kostengünstigen Schmerztherapie den Vorzug gegenüber einer teuren Chemotherapie geben, die allein als lebensverlängernde Maßnahme dient. Van Eijck will ebenfalls eine Diskussion darüber führen, ob für ältere Patienten eine neue Hüfte notwendig sei. Mit einer Schmerztherapie allein könnte man Millionen einsparen, erklärte Van Eijck gegenüber der Tageszeitung AD. Seiner Meinung nach müssen die Probleme im Gesundheitssektor dringend angepackt werden, weil die Kosten ansonsten explosionsartig steigen.