Nachrichten Oktober 2012


MEDIEN: Aufregung um TV-Auftritt von Willem Holleeder

Utrecht. MWE/ntr.nl/TR/VK. 11. Oktober 2012.

Der verurteilte Erpresser Willem Holleeder, der 1983 durch die Entführung des niederländischen Brauereibesitzers Freddy Heineken bekannt wurde, wird in der Fernsehsendung College Tour des niederländischen Senders NTR zu Gast sein. Ausgestrahlt wird die Ausgabe am morgigen Freitag und bereits im Vorfeld gab es viele Stimmen, die die Einladung Holleeders zu diesem TV-Format kritisierten.

Die Fernsehsendung College Tour lädt regelmäßig bekannte Gäste aus dem In- und Ausland ein, um sie von einigen hundert Studenten und dem Moderator Twan Huys interviewen zu lassen. Die Idee für das Format stammt aus den Vereinigten Staaten, wo Bürger im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in den sogenannten townhall meetings die Möglichkeit bekommen, den Kandidaten ihre Fragen zu stellen.

Da es sich bei den Gästen von College Tour oftmals um inspirierende Persönlichkeiten handelt – unter ihnen beispielsweise der niederländische Astronaut André Kuipers, der Dalai Lama, Schauspieler wie John Malkovich und Susan Sarandon, der Schriftsteller Harry Mulisch oder Politiker und Sportler – stellt sich vielen Kritikern die Frage, ob man Willem Holleeder diese Plattform geben sollte und ob ausgerechnet dieses Fernsehprogramm das richtige Format sei. „College Tour“ sei ein Format, das seine Gäste eher ehrt als ihnen kritische Fragen zu stellen und in dem auch Platz für Späße und Witze sei.

Twan Huys, Moderator des Programms, rechtfertigte sich mit den Worten, dass „nicht nur Nobelpreisgewinner“ zu College Tour eingeladen würden. In der Vergangenheit habe man auch schon Nick Leeson zu Gast gehabt, der 1995 für den Untergang der britischen Barings Bank verantwortlich war. Die Rundfunkanstalt NTR veröffentlichte auf ihrer Website eine Stellungnahme zur Einladung von Willem Holleeder. Darin rechtfertigt sie ihre Wahl unter anderem mit der Begründung, dass sich Holleeder noch nie zuvor ausführlich interviewen ließ. Und so ist sowohl das öffentliche als auch das mediale Interesse an der morgigen Sendung groß.

Der Medienethiker Huub Evers sagte gegenüber de Volkskrant, dass es verständlich sei, dass Journalisten eine Person wie Holleder sprechen wollten. Ein Interview in einem Programm wie College Tour gehe aber zu weit. Besser geeignet sei beispielsweise ein Interview in einer Zeitung. In einem weiteren Kommentar des Chefredakteurs von de Volkskrant, Philippe Remarque, hieß es, dass der Auftritt Holleeders in College Tour nur zu rechtfertigen wäre, wenn der Moderator Twan Huys äußerst kritisch nachfrage und „Holleeder schwitzen lässt“. Holleeder kündigte im Vorfeld an, sich auf die Fragen zu freuen und alle Fragen beantworten zu wollen.

Die  Entführung von Freddy Heineken zählt zu den größten Kriminalfällen der Niederlande. Nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe, führte Holleeder seine kriminelle Laufbahn fort. Wegen mehrerer Erpressungsfälle wurde er zuletzt zu neun Jahren Haft verurteilt. Im Januar dieses Jahres kam er vorzeitig frei. Durch die Aufregung um seinen TV-Auftritt hat die Produktionsfirma zu zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen gegriffen. Aufgezeichnet wird die Sendung heute an einem geheimen Ort in Utrecht. Studenten, die an der Sendung teilnehmen, müssen ihre Mobiltelefone abgeben und haben darüber hinaus von der Produktionsfirma eine E-Mail mit genauen Anweisungen erhalten, an die sie sich halten müssen. Die Presse hat keinen Zutritt.

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