Nachrichten November 2012


GRENZVERKEHR: Niederländer kaufen durch Steuererhöhungen vermehrt in Deutschland ein

Emmerich/Gronau. /ND/Sp!ts/TC. 28. November 2012.

Seit kurzem kann man an der niederländisch-deutschen Grenze einen vermehrten Einkaufstourismus feststellen. Grund hierfür ist der in den Niederlanden seit Oktober geltende höhere Mehrwertsteuersatz von 21 Prozent. Für das kommende Jahr wird nun von weiter steigenden Zahlen von Grenztouristen ausgegangen, da dann die ebenfalls erhöhte Verbrauchssteuer auf Alkohol und Tabak einen Besuch im deutschen Nachbarland noch attraktiver machen wird.

Aktuell merkt man einen erhöhten Ansturm diesseits der deutsch-niederländischen Grenze vor allem an den Tankstellen. Nach der kürzlich durchgeführten Mehrwertsteuererhöhung in unserem westlichen Nachbarland (NiederlandeNet berichtete) rentiert es sich für Grenzbewohner noch mehr als früher, Benzin und Super in Deutschland zu tanken. „Ich mache dies schon ein halbes Jahr und es gefällt mir gut“, wird Marco Hartman aus Enschede in der dort erscheinenden Tageszeitung Tubantia zitiert. „Als ich damit begann waren es sieben bis acht Cent pro Liter Unterschied. Jetzt sind es schonmal schnell zwölf Cent. Wenn man jede Woche 70 Liter tankt, dann lohnt sich das schon“, so der Niederländer. Im Vergleich zum niederländischen Landesdurchschnitt kann man an der deutschen Seite der Grenze aktuell teilweise sogar bis zu 25 Cent pro Liter günstiger tanken.

Alkohol und Tabak

Wie schon lange bei Kraftstoffen, wird seit geraumer Zeit auch ein erhöhter Grenzverkehr von niederländischer Seite bezüglich Alkohol und Tabak beobachtet. Nach Berechnungen von Ökonomen der ING Bank war Alkohol im Mai 2012 in Deutschland rund neun Prozent preiswerter als in den Niederlanden. Zigaretten hingegen waren etwa gleich teuer. In Belgien verhielt es sich umgekehrt – hier war Tabak rund sieben Prozent günstiger, während sich die Alkoholpreise etwa auf dem gleichen Niveau bewegten. Zahlt man etwa in Berlin für einen halben Liter Bier rund 2,50 Euro, bekommt man für denselben Preis in den Niederlanden lediglich ein „fluitje“ mit 0,2 Litern Inhalt. Mit der Erhöhung der Verbrauchssteuer im kommenden Jahr werden die Unterschiede noch größer: Ein Päckchen mit 19 Zigaretten wird dann etwa 35 Cent teurer werden. Und auch viele Alkoholsorten werden mit Beginn des kommenden Jahres weiter verteuert, was dem niederländischen Staatshaushalt jährlich 100 Millionen Euro zusätzlich einbringen soll. 2014 dann folgt zudem eine Verteuerung von Mineralöl. Der Preis für einen Liter Diesel wird dann zusätzlich um drei Cent steigen und Autogas wird um 7 Cent pro Liter teurer.

Die Gratiszeitung Sp!ts beschreibt hierzu die Situation in einem Getränkemarkt im grenznahen Emmerich am Rhein. In der 30.000 Seelen-Gemeinde trafen die Reporter der Zeitung an einem Wochentag ungewöhnlich viele Niederländer an, die sich dort mit alkoholischen Getränken eindeckten: „Wir machen hier meistens einen Tagesausflug draus, selbst der Aldi ist hier günstiger“, wird eine Frau mittleren Alters in Sp!ts zitiert. Sie kommt mit ihrem Ehemann alle zwei Monate nach Deutschland zum Einkaufen: „Wenn man sich die Benzinkosten teilt dann lohnt sich die Mühe ganz sicher. Schauen Sie, diese Packung Wein habe ich gestern noch für zwölf Euro in den Niederlanden gekauft, hier bezahlt man nur acht Euro.“

Zielgruppe der deutschen Getränkemärkte sind immer stärker auch niederländische Jugendliche, die es zum Kauf und zum Konsum von Alkohol mehr und mehr über die Grenze zieht. Mitgliedesunternehmen des niederländischen Hotel- und Gaststättenverbandes Koninklijke Horaca Nederland – vor allem Diskotheken und andere Feier-Etablissements – befürchten für die Zeit ab dem 1. Januar 2013 eine noch stärkere Abwanderung von niederländischen Jugendlichen auf die belgische und deutsche Seite der Grenze: „Zudem, da die Altersgrenze zum Alkoholkonsum in Deutschland und Belgien bei 16 Jahren bleibt“, so Verbandssprecher Joris Prinssen. Er verweist damit auf die Pläne der neuen niederländischen Regierung, die sowohl Alkohol- als auch Tabakwarenkonsum zukünftig erst ab dem Erreichen des 18. Lebensjahres erlauben will.

Hochkonjunktur für Schmuggler

Der niederländische Getränke- und Gaststättenmarkt steht bereits seit längerem unter Druck: Die Wirte und Getränkehändler können an den Bierpreisen wenig drehen, die Unterschiede zu den Nachbarländern steigen immer weiter: „Auf Weine und Spirituosen ist der Unterschied noch größer. Eine Flasche Wein kostet in Deutschland ungefähr einen Euro weniger, Hochprozentiges sogar vier Euro. Das ist ein beträchtlicher Grenzunterschied und ab dem 1. Januar wird dieser weiter steigen“, so Ron Andes von Slijtersunie, dem Verband der Getränkehändler gegenüber Sp!ts. Anders hingegen die Situation in Emmerich: Dort reibt sich eine Mitarbeiterin von Trinkgut die Hände und erklärt mit einem Lächeln im Gesicht, dass sie die Erhöhung der Verbrauchssteuer in den Niederlanden mit Vorfreude erwarte.

Goldene Zeiten bedeuten die steigenden Preise für Verbrauchsgüter auch für Schmuggler. Denn neben den legalen Einkäufen auf der anderen Seite der Grenze kommen in den Niederlanden immer öfter auch illegale Zigaretten, Alkohol und andere Schmuggelware in den Umlauf, die illegal aus Osteuropa oder sogar China in die Niederlande importiert werden. Mit illegalen Importen wird die niederländische Polizei auch zum Jahresende wieder verstärkt zu tun haben. Wie jedes Jahr besorgen sich viele Niederländer illegale, im eigenen Land nicht zugelassene Feuerwerkskörper zu Silvester (NiederlandeNet berichtete). Große Mengen von Feuerwerk wird dazu auch in diesem Jahr wieder von Niederländern in Deutschland gekauft werden – wegen des viel günstigen Preises.