Nachrichten Mai 2012


MEDIEN: Radio Nederland Wereldomroep stellt nach 65 Jahren die Arbeit ein

Hilversum. TM/DT/NRC/TR. 11. Mai 2012.

Es war eine Zeit lange bevor man Mobiltelefone besaß, lange vor dem Beginn des Internets. Als vor 65 Jahren – am 15. April 1947 – das Radio Nederland Wereldomroep (RNW) mit seiner Arbeit begann, sah die Welt noch anders aus; kleiner. Der Auslandsdienst des niederländischen Rundfunks war beliebt: als freies Radio in nichtdemokratischen Regimen ebenso wie bei Niederländern, die sich im Ausland über Kurzwelle die neuesten Informationen aus dem Heimatland ins Autoradio oder den Weltempfänger in der Ferienwohnung, dem Zelt oder Wohnwagen holten. Damit ist zukünftig nun aber endgültig Schluss; die technische Entwicklung, durch die man heute in den meisten Winkeln der Erde mittels Internet und Mobiltelefon die Verbindung zur Heimat aufrecht erhalten kann, aber auch drastische Kürzungen von Seiten des Staates haben das niederländische Pedant der Deutschen Welle veranlasst, am Ende des heutigen Tages seinen Betrieb größtenteils einzustellen. Zwei von drei Kernaufgaben und damit auch 270 der 350 Arbeitsplätze werden wegfallen. Zukünftig will sich das RNW nur noch auf solche Staaten konzentrieren, in denen keine Pressefreiheit herrscht.

Es war ein großer Schlag, den die RNW am 24. Juni letzten Jahres traf. An jenem Tag machte das niederländische Kabinett bekannt, dass der Auslandsdienst des niederländischen Rundfunks drastisch sparen muss. Mit dem kommenden Jahreswechsel wird das Budget von den bisherigen 46 Millionen Euro pro Jahr auf weniger als ein Drittel eingestampft. Damit war klar, dass das bisher weltweit ausgestrahlte beliebte Programm in niederländischer Sprache nicht mehr länger zu finanzieren ist. Heute nun sendet man aus Hilversum zum letzten Mal in der eigenen Sprache in die Welt. Mit einer 24-stündigen Livesendung, in der nochmal über wichtige Ereignisse der 65-jährigen Geschichte des Senders berichtet wird, wird das erfolgreiche Kapitel RNW heute größtenteils abgeschlossen. Motto des Tages: „Stolz mit einer Träne“. Stolz, da man viel erreicht hat und der Kern des Senders weiterbesteht; mit einer Träne, da man sich von vielem verabschieden muss, was man in den vergangenen 65 Jahren aufgebaut habe, so der scheidende RNW-Direktor Jan Hoek.

Verabschieden muss man sich so zum Beispiel von niederländischen Urlaubern, LKW-Fahrern oder Missionaren im Ausland. Ab 2013 wird dann auch für die ehemaligen Kolonien Indonesien, Suriname, die Gebiete der früheren niederländischen Antillen sowie Teilen von Lateinamerika der Dienst eingestellt. Bis zuletzt gehörte die Sendung „Onderweg“ (dt. „Unterwegs“) dabei zu den erfolgreichste der Wereldomroep. Zu ihren treuesten Zuhörern gehörten LKW-Fahrer, die fern der Heimat unterwegs waren. Nicht selten erreichte die Redaktion in Hilversum über 200 SMS-Nachrichten pro Sendung, in denen die niederländischen Trucker ihren Kollegen etwa mitteilten, das sie Vater geworden sind, an welcher Autobahnraststätte sie halten werden, wo es ein Unwetter oder einen Stau gibt. Vielen Niederländern in Erinnerung bleiben werden zudem wohl auch die vielen Reiserufe, die über den Sender verbreitet wurden. Dies war in der Vergangenheit oftmals die einzige Möglichkeit, um sich in Notfällen wie etwa einem Trauerfall mit Urlaubsreisenden in Verbindung zu setzen und diese so zu einer vorzeitigen Rückkehr zu bewegen.

Anfangs lag der Schwerpunkt der RNW vor allem auf Grußprogrammen, da Telefonieren zur damaligen Zeit noch eine teure Angelegenheit war. Bis 1975 war der Sender zudem eher eine Musik- als eine Wortwelle und erst dann kam mehr Politik und Aktuelles hinzu. Die Wereldomroep sendete zuletzt auf neun Sprachen: niederländisch, englisch, spanisch, französisch, portugiesisch, indonesisch, papiamento, sarnamisch, portugiesisch und arabisch. Zukünftig wird der übrig gebliebene Kern des Senders Teil des niederländischen Außenministeriums werden. Die Hauptaufgabe wird dann der Einsatz für die weltweite Verbreitung des freien Wortes über das Internet oder die sozialen Medien werden. Man will etwa in China, Marokko oder Nordafrika Tabus besprechen, aber nicht durchbrechen, so Jan Hoek gegenüber der Tageszeitung De Telegraaf. Sorgen über die journalistische Unabhängigkeit aufgrund der dichteren Anbindung an das Ministerium kann Hoek nicht teilen: „Wir werden nicht das Sprachrohr des Ministeriums“, so der RNW-Direktor.

Weitere Informationen zum niederländischen Mediensystem finden sich in unserem Dossier Das Mediensystem der Niederlande.