Nachrichten Mai 2012


GEDENKEN: Niederlande zwei Minuten still

Amsterdam/Breda/Vorden. AF/KH/NOS/phoenix.de/VK/Welt Online. 04. Mai 2012.

Seit 1945 wird am 4. Mai jährlich mit verschiedenen Veranstaltungen der Toten und Opfer durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden gedacht. Auch heute Abend herrschte zwei Minuten lang absolute Stille auf dem Dam in Amsterdam. Neben Königin Beatrix, Prinz Willem-Alexander und Prinzessin Máxima sowie einigen Spitzenpolitikern des Landes nahmen rund 20.000 Amsterdamer an den offiziellen Feierlichkeiten zum Nationalen Volkstrauertag teil.

Das Programm für die Nationale Totengedenkfeier in Amsterdam sah eine Gedenkfeier in der Nieuwe Kerk und im Anschluss daran eine Kranzniederlegung beim Nationalmonument auf dem Dam durch die Königin und den Prinz von Oranien vor. Auch Vertreter der Ersten und der Zweiten Kammer, sowie der Kommandant der Streitkräfte und der Bürgermeister Amsterdams legten einen Kranz nieder. Nach den zwei Minuten Stille hielt Bürgermeister Eberhard van der Laan eine kurze Rede, in der er erklärte, dass er fast täglich daran erinnert wird, dass von den 80.000 Amsterdamer Juden 61.000 unter den Augen ihrer Mitbürger deportiert und ermordet wurden. „Diese Tatsache bleibt ein empfindlicher Nerv in der Stadt, im ganzen Land.“

Auch an vielen anderen Orten in den Niederlanden wurde heute Abend der Toten gedacht. Am Gedenkplatz Waalsdorpervlakte bei Den Haag, wo während des Zweiten Weltkriegs mehr als 250 Menschen von den deutschen Besatzern erschossen wurden, erinnerte man sich an die Ereignisse; ebenso im ehemaligen ‚Polizeilichen Durchgangslager Amersfoort‘, einem 1941 eingerichteten „Judendurchgangslager“; sowie auf dem auf dem Grebbeberg, wo während des deutschen Einfalls im Mai 1940 heftige Gefechte stattgefunden hatten

Im Vorfeld des Nationale Dodenherdenking waren Diskussionen aufgekommen, ob an diesem Volkstrauertag auch deutscher Kriegsopfern gedacht werden solle. Das Nationaal Comité 4 en 5 mei, das für die Organisation der nationalen Gedenkveranstaltung zuständig ist, hatte der Gemeinde Vorden in der Provinz Gelderland vorgeschlagen, auch der zehn deutschen Soldaten zu gedenken, die auf dem Friedhof der Gemeinde beerdigt sind. Nach 67 Jahren wäre die Zeit dafür reif. Dieser Vorschlag rief viel Widerstand hervor. Die jüdische Organisation Federatief Joods Nederland strengte eine einstweilige Verfügung an, wonach die Gemeinde der Deutschen nicht gedenken durfte. „Das Gedenken an die toten deutschen Soldaten kann passend sein, aber nicht am 4. Mai und nicht in einem Atemzug mit dem Gedenken an die Opfer des Nazi-Regimes“, so Richter Gert Vrieze in der Begründung.

Derartige Diskussionen rund um Volkstrauertag sind nicht neu. Während sich Vertreter des Nationaal Comité  4 en 5 mei für eine größere Einbeziehung anderer Opfergruppen aussprechen, sehen viele Organisationen und Privatpersonen darin ein Problem (NiederlandeNet berichtete).

Befreiungstag

Nachdem heute der Opfer des Zweiten Weltkrieges gedacht wurde, werden die Niederländer morgen den Tag der Befreiung ihres Landes vor 67 Jahren feiern. Die offizielle Nationalfeier beginnt dieses Jahr in der Stadt Breda in der Provinz Brabant. Das zentrale Thema der Veranstaltung lautet dieses Mal „Freiheit gibt man weiter“. Die Rede zum 5. Mai wird vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck gehalten werden (NiederlandeNet berichtete). Gauck kommt durch die Einladung die Ehre zuteil, der erste deutsche Bürger zu sein, der die offizielle Lesung halten darf. Schon im Vorfeld gilt die Rede Gaucks in Breda als wichtiges Zeichen - für die traditionell guten Beziehungen zu den Niederlanden ebenso wie für Gaucks außenpolitisches Programm.

Vor dem Besuch Gaucks gab es in den Niederlanden einzelne Proteste gegen die Einladung an den deutschen Bundespräsidenten. Man solle zuerst das niederländischstämmige Waffen-SS-Mitglied Klaas Carel Faber, das nach seiner Verurteilung in den Niederlanden nach Deutschland floh und inzwischen deutscher Staatsbürger ist, der niederländischen Justiz ausliefern. Nicht Gauck sondern Faber solle nach Breda kommen – um seine Strafe abzusitzen, so Arthur Graaff, der die Aktion „Gauck niet, Faber wel“ (dt.: Gauck nicht, Faber schon) gestartet hat. Die deutsche Zeitung Welt Online kommentierte diesen Umstand mit den Worten, der 5. Mai sei in den Niederlanden immer noch geeignet, Emotionen zu schüren.

Auch im deutschen Fernsehen wird Gaucks Rede zum Befreiungstag übertragen. Der Fernsehsender Phoenix sendet am 5. Mai 2012 ab 11.30 Uhr live aus Breda.