Nachrichten September 2011



NEUERSCHEINUNG: Buch über das Leben und Werk der ehemaligen Premiers

Den Haag. AKS/NOS/NRC/nu.nl/VK. 12. September 2011.

Leben und Arbeit der niederländischen Spitzenpolitiker haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Dies stellt Annemarie Gualthérie van Weezel in ihrem heute erschienenen Buch „De smaak van de macht. Gesprekken met oud-premiers.“ (dt. Der Geschmack von Macht. Gespräche mit Alt-Premiers) fest. In „De smaak van de macht“ beschreibt Van Weezel das Leben und Werk der fünf noch lebenden ehemaligen niederländischen Ministerpräsidenten, die jeder in Interviews auf ihre eigene Art und Weise ihren Arbeitsalltag und ihre eigene Version ihrer politischen Leitung des Landes wiedergeben. Piet de Jong (1967-1971, KVP), Dries van Agt (1977-1982, KVP/CDA), Ruud Lubbers (1982-1994, KVP/CDA), Wim Kok (1994-2002, PvdA) und Jan Peter Balkenende (2002-2010, CDA) standen der parlamentarischen Journalistin der niederländischen Rundfunkanstalt NOS dabei Rede und Antwort.

Wie die Journalistin am Freitag in einem Interview in der niederländischen Fernsehsendung „Knevel en Van den Brink“ erklärte, soll in dem Buch zum einen die menschliche Seite der Politiker beleuchtet werden. Gleichzeitig soll das Werk aber auch ein zeitliches Abbild der verschiedenen Amtsperioden wiedergeben, sodass – mit Hilfe der Schilderungen der ehemaligen Premiers – ein Eindruck davon vermittelt werden kann, inwiefern sich die Gesellschaft und das Amt des Ministerpräsidenten seit der Zeit von Piet de Jong verändert haben. So sei die Amtsperiode von Alt-Ministerpräsident De Jong mit der von Jan Peter Balkenende nicht mehr zu vergleichen: „Piet de Jong leitete den Ministerrat und wollte, dass dieser um sechs Uhr abends beendet wurde, damit jeder nach Hause gehen und essen konnte. Abends studierte er dann noch Wirtschaft. Das ist nicht mehr zu vergleichen mit Kok oder Balkenende, die erst mitten in der Nacht nach Hause gekommen sind, anschließend noch Berichte lasen und am nächsten Tag wieder in der Fragenstunde Rede und Antwort stehen mussten,“ erklärte Van Weezel am Freitag. Aber nicht nur das Arbeitspensum habe sich in den letzten Jahren erheblich geändert. Auch die mediale Aufmerksamkeit richte sich immer mehr auf das Privatleben der Politiker. Während Piet de Jong im Laufe seiner Amtszeit nie ein Interview zu seinem Privatleben geben musste, ist das Privatleben der letzten Premiers deutlich in den Mittelpunkt gerückt. „Was dies betrifft, so hat man beinahe amerikanische Verhältnisse erreicht“, so Van Weezel.

Das Buch bietet aber nicht nur Informationen über die persönlichen Geschichten und Eindrücke der ehemaligen Premiers. Es beinhaltet auch „Enthüllungen“, die jetzt schon in der niederländischen Presse kursieren. So äußerte sich beispielsweise Alt-Premier Ruud Lubbers zu der Kabinettsbildung vom letzten Jahr. Als Informateur hatte Lubbers während der Verhandlungen mit den Parteien VVD, CDA und PVV Gespräche über ein mögliches rechtes Kabinett geführt (NiederlandeNet berichtete). In einem Gespräch mit PVV-Spitzenkandidat Geert Wilders war auch die Frage aufgekommen, ob Wilders lieber Teil der Regierung oder aber eine Rolle als Duldungspartner mit der VVD und CDA spielen wolle. Wilders soll nach Aussage Lubbers geantwortet haben, dass dies für ihn kein großer Unterschied sei: „Ich finde den Gedanken gut, Vizepremier  zu werden. Aber auf der anderen Seite würde ich in diesem Fall viel gebundener sein“, gibt Lubbers Wilders‘ Antwort wieder. Des Weiteren soll Wilders zugestimmt haben, seine politischen Äußerungen zunächst mit dem Justizminister abzusprechen. „Falls dieser nicht grundsätzlich gegen meine Politik ist, sondern mir anhand des Grundgesetztes und internationaler Verträge aufzeigen kann, dass bestimmte Dinge nicht gesagt werden dürfen“, hätte Wilders eine derartige Absprache akzeptiert, gibt Lubbers in dem Buch zu verstehen. Auch mit Ernst Hirsch Ballin (CDA) als Justizminister wäre Wilders demnach einverstanden gewesen.

Lubbers hatte im Anschluss an diese Gespräche Königin Beatrix empfohlen, die Bildung eines Kabinetts aus VVD, CDA und PVV in Betracht zu ziehen. Lubbers erläutert in „De smaak van de macht“ weiterhin, diesen Ratschlag nicht zu bedauern, da die drei Verhandlungspartner einen „entschlossenen Willen zeigten, ein Kabinett zu bilden.“ Dass Lubbers auf dem CDA-Parteitag im Oktober 2010 dennoch gegen das Kabinett stimmte, hatte einen anderen Grund. Aufgrund des hohen Widerstandes gegen eine Zusammenarbeit mit der PVV und der darauf folgenden Zersplitterung innerhalb seiner Partei, die unter anderem dazu führten, dass der ehemalige Gesundheitsminister Ab Klink und auch Ernst Hirsch Ballin einen Ministerposten in einem derartigen Kabinett ablehnen würden, sei in Lubbers Augen das „Eis zu dünn“ geworden.

Das Buch „De smaak van de macht. Gesprekken met oud-premiers“ wird von dem Verleger Conserve herausgegeben und ist für 17,99 Euro im niederländischen Buchhandel erhältlich.