Nachrichten Oktober 2011



LITERATUR: Harry Mulisch wird mit Museum und Lesetisch geehrt

Amsterdam. AF/RH/nu.nl/Parool/VK. 28. Oktober 2011.

Am 30. Oktober letzten Jahres starb der 1927 in Haarlem geborene bedeutende niederländische Nachkriegs-Schriftsteller Harry Mulisch an den Folgen eines Krebsleidens. Ihm zu Ehren wird nun in dieser Woche ein Lesetisch in seinem Stammcafé enthüllt. Zusätzlich hat das Letterkundig Museum (dt. Museum für Literaturwissenschaften) in Den Haag bekanntgegeben, dass im Wohnhaus Mulischs an der Leidsegracht in Amsterdam ein Museum entstehen soll.

Die Etage, in der Mulisch seine berühmten Werke schrieb, wird eine Zweigstelle des Museums für Literaturwissenschaften. Die Besucher können dort das Arbeitszimmer von Mulisch besuchen, das man seit dem Tod des Schriftstellers im vergangenen Jahr in seinem ursprünglichen Zustand belassen hat. Im Arbeitszimmer von Mulisch erinnern alle Objekte an sein Oeuvre – sogar in seinem Bücherregal sind ausschließlich Bücher zu finden, die er für seine Werke benötigte. Zusätzlich sollen in Mulischs Haus, in dem er rund 50 Jahre lebte, Wechselausstellungen angeboten werden. Die Eröffnung des Museums wird 2013 stattfinden.

Lesetisch

Auch wird anlässlich des ersten Todestages im legendären Café Americain, ganz in der Nähe von Mulischs Wohnhaus, ein Lesetisch nach dem über die Landesgrenzen der Niederlande hinaus bekannten Schriftsteller benannt. Das Café Americain in Amsterdam ist ein klassisches Grand Café aus dem Jahre 1902, auch die „Gute Stube“ Amsterdams genannt. Hier treffen sich seit jeher gerne Künstler und Intellektuelle. Auch der Romanautor Harry Mulisch gehörte zu den Stammgästen. Eine berühmte Anekdote besagt, dass sich der Schriftsteller, als er noch nicht so bekannt war, im Café Americain anrufen ließ, sodass er laut ausgerufen werden musste und sein Name bei den Wichtigen Amsterdams bekannt wurde: „Telefon für Herrn Mulisch!“

Ihm zu Ehren soll nun der Tisch, an dem er immer saß, wenn er im Café Americain war, offiziell zum Harry Mulisch-Lesetisch ernannt werden. Bereits am Mittwoch waren Kitty Saal, die Freundin von Harry Mulisch, sowie seine Töchter Anna und Frieda Mulisch in der niederländischen Talkshow De wereld draait door zu Gast. Dort erzählten sie von ihren Plänen, dass sie zusammen mit Mulischs Sohn Menzo am heutigen 29. Oktober den so geehrten Tisch enthüllen werden. Das Ganze findet im kleinen Kreis statt. Die Familie Mulischs erhält nach Aussagen des Verlags De Bezige Bij im Zuge der Feierlichkeiten auch das erste Exemplar von Mulischs unvollendetem Roman „De tijd zelf“ (dt. Die Zeit selbst). Das Buch entstand aus Anmerkungen, Ausdrucken, Schnipseln und Büchern, die an dem Tag, als Mulisch starb, auf dessen Schreibtisch lagen. Zusammengestellt und um Tagebuchauszüge ergänzt wurden die einzelnen Fragmente von der Sprachwissenschaftlerin Marita Mathijsen und dem Buchkritiker Arnold Heumakers.

„Ich habe den Krieg nicht miterlebt, ich bin der Krieg“

Harry Mulisch gilt neben dem niederländischen Reiseschriftsteller Cees Nooteboom und dem flämischen Schriftsteller Hugo Claus als einer „der großen Drei“ der niederländischsprachigen Nachkriegsliteratur. Das Werk Mulischs war geprägt von den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges, sicher auch, weil dieser den Konflikt innerhalb seiner Familie widergespiegelt: In den Besatzungsjahren kollaborierte sein Vater mit den Deutschen, während die Familie seiner Mutter, eine jüdische Bankierstochter, deportiert wurde. Mulisch sagte einmal: „Ik heb de oorlog niet zozeer meegemaakt, ik ben de oorlog“ (dt. „Ich habe den Krieg nicht miterlebt, ich bin der Krieg“). Mit seinem Werk gewann Harry Mulisch diverse literarische Preise und Ehrungen. Bereits in den 1950er Jahren war er in den Niederlanden bekannt, doch seinen großen (internationalen) Durchbruch hatte er mit dem Roman „De Aanslag“ (1982). Das Buch über die Folgen eines Anschlags, verübt vom niederländischen Widerstand gegen die Nationalsozialistische Bewegung NSB im Zweiten Weltkrieg, wurde in 30 Sprachen übersetzt. Die Verfilmung durch Fons Rademakers erhielt sogar einen Oscar. Sein bisher letztes Buch aus dem Jahr 2001, Siegfried, handelt vom fiktiven Sohn Adolf Hitlers und Eva Braun, den Hitler gegen Ende des Nationalsozialismus erschießen ließ.