Nachrichten Oktober 2011



BAHN: Notdurft soll im Notfall möglich sein

Amsterdam/Utrecht. TM/NOS/nu.nl/VK. 7. Oktober 2011.

Wieder einmal sorgt in den Niederlanden das Thema Toiletten in Nahverkehrszügen für Aufsehen. Bereits Ende des vergangenen und im Frühjahr diesen Jahres kam es zu großen öffentlichen Diskussionen als bekannt wurde, dass in vielen der damals neu eingeführten Regionalzüge vom Typ „Sprinter“ keine Toiletten mehr eingebaut sind (NiederlandeNet berichtete). Jetzt gibt es eine neue Entwicklung, nach der in den entsprechenden Zügen portable Urinale, sogenannte „Pinkelbeutel“ (nld. Plaszak), bereitgehalten werden, welche auch in vielen Outdoor-Läden erhältlich sind. Diese sind aber ausdrücklich nur für äußerste Notfälle gedacht, wenn etwa der Zug auf offener Strecke zum Erliegen kommt. Fahrgäste, welche während einer normalen Fahrt das Bedürfnis verspüren, eine Toilette aufsuchen zu wollen, müssen sich bis zum nächsten Halt oder ihrem Zielbahnhof gedulden. Die hochmodernen Nahverkehrszüge werden – im Gegensatz zur ursprünglichen Bestimmung und ganz zum Leidwesen von Reisenden und Zugpersonal – immer öfter auch auf langen Strecken eingesetzt. Zudem kam es bei Notsituationen wie etwa im vergangenen Winter, als mehrere Züge in den Niederlanden durch die widrigen Witterungsumstände zum Erliegen kamen, zu Problemen vieler, die damals ihre Notdurft verrichten mussten.

Viele Unmutsbekundungen von Reisenden wie auch vom Zugpersonal der niederländischen Bahn (NS) hatten zu Beginn dieses Jahres dazu geführt, dass die niederländische Regierung im April versprach, dass bis zum Jahr 2025 alle Züge der NS auf dem Hauptnetz über eine Toilette verfügen müssen. Für die Mehrheit des niederländischen Parlaments dauerte dies zu lange und so hatten sich viele Abgeordnete vor kurzem gemeinsam dafür ausgesprochen, dass die Umsetzung bereits im Jahr 2015 erfüllt sein müsse. Mit den jetzt vorgestellten portablen Urinsäcken der Marke „TravelJohn“ erhofft sich die NS nun, die Kritik von Seiten vieler Kunden abzuschwächen. Sollte es zu in einer Extremsituation kommen, bei der ein Sprinter-Zug längere Zeit keinen Bahnhof anfahren kann, kann man beim Zugpersonal nach den Urinsäcken fragen. Im Raum des Zugbegleiters könne dann anschließend die Notdurft verrichtet werden. Für Männer wie Frauen werden dabei dieselben Gefäße ausgegeben, welche anschließend im gefüllten Zustand im Zug zurückbleiben können; eine bestimmte chemische Reaktion lässt das Urin innerhalb des Beutels nach nur wenigen Sekunden fest werden.

Nach Ansicht des niederländischen Fahrgastverbandes Rover sei die jetzige Lösung „besser als nichts“, die jetzt eingeführten Urinsäcke können aber laut Rover-Pressesprecher Chris Vonk wirklich nur als Notlösung angesehen werden. „Der Zusage, dass es in den Sprintern doch Toiletten geben soll, muss schnell nachgekommen werden“, heißt es von der Reisendenorganisation. Vonk merkt zudem an, dass die Benutzung der jetzt eingeführten Säcke für Männer einfacher als für Frauen sei und bei weiblichen Reisenden mit mehr Problemen gerechnet werden muss. Als Grund für die Entscheidung, die modernen Sprinter-Züge ohne jegliche Toilette zu bestellen, hatte die niederländische Bahn seinerzeit angegeben, dass Zugreisenden auf kurzen Strecken – auf denen die Sprinter ausschließlich eingesetzt werden sollten – oftmals keine Toiletten benutzen und man so Kosten sparen kann. „Jede Toilette, die man einbaut, kostet vier Sitzplätze“ zitiert das Nachrichtenportal nu.nl einen Sprecher der NS. Im März schätzte die niederländische Infrastrukturministerin Melanie Schultz van Haegen zudem, dass ein nachträglicher Umbau der Züge etwa 90 Millionen Euro kosten würde und somit viel zu teuer sei.

Im Vergleich mit den Niederlanden gibt es nach Auskunft der Deutschen Bahn (DB) hierzulande sowohl in Fern- als auch in Regionalzügen der DB eine Pflicht zur Ausstattung der Züge mit Toiletten – nicht jedoch in S-Bahnen. Einige der Modelle, etwa die S-Bahn-Züge der Baureihen 420 und 423, verfügen so auch über keine WCs an Bord. Sie werden in vielen deutschen Metropolen eingesetzt und fahren teils auch über Strecken mittlerer Länge. In Deutschland kommt es jedoch nicht zu ähnlichen Diskussionen wie in den Niederlanden, vermutlich, da die Fahrgäste die Bahnen oftmals nur für kurze Abschnitte benutzen oder die Möglichkeit haben, nach einer „Pinkelpause“ durch die recht enge Taktung der Züge schnell die nächste Bahn benutzen zu können.