Nachrichten Oktober 2011



KULTUR: „Ich bin Muslim und ich halte ein verdammtes Goldenes Kalb in den Händen“

Utrecht. AF/TR/VK. 4. Oktober 2011.

Letzten Freitag wurde auf dem Nederlands Filmfestival in Utrecht  (NiederlandeNet berichtete) der höchste niederländische Filmpreis verliehen: Das Goldene Kalb. Die Schauspielerin Carice van Houten gewann die begehrte Trophäe zum fünften Mal – Rekord in der Geschichte des niederländischen Filmpreises. Schlagzeilen machte allerdings ihr Kollege Nasrdin Dchar, der als bester Schauspieler eine vielbeachtete Dankesrede hielt.

Mit seiner Rede durchbrach Dchar eine „jahrelange Utrechter Tradition“, so die Tageszeitung De Volkskrant, bei der Entgegennahme des Filmpreises „noch dem letzten vergessenen Lichtassistenten“ zu danken. Dchar widmete sein Goldenes Kalb unter anderem der Überwindung von Ängsten. „Angst habe ich immer noch. Und abgesehen davon, dass ich sie habe, haben leider auch die Niederlande Angst. Wir bekommen zurzeit Angst injiziert.“ Dchar wandte sich an den Vizepremier Maxime Verhagen (CDA), der im Juni dieses Jahres erklärt hatte, dass die Angst vor Ausländern „begreiflich“ sei. „Nun, Herr Verhagen, und auch Geert Wilders und all die Menschen, die hinter ihnen stehen: Ich bin ein Niederländer, ich bin sehr stolz auf mein marokkanisches Blut. Ich bin ein Muslim und ich stehe hier mit einem verdammten Goldenen Kalb in meiner Hand!“ Das Publikum im Saal honorierte seine Worte mit Standing Ovations. Seinen zu Tränen gerührten Eltern dankte Dchar auf marokkanisch „Ich liebe Euch von ganzem Herzen!“

De Volkskrant nannte Dchar einen Helden: „In ein paar kurzen Sätzen machte er ein Statement, sandte eine Botschaft ins Land, berührte viele Herzen und las unseren christlichen Politikern die Leviten.“ Dchar hatte auf eine Rede Verhagens Ende Juni 2011 angespielt, die dieser auf einem Symposium über Populismus mit den Worten eröffnet hatte: „Unsicherheit ist ein bedeutendes Kennzeichen in dieser Zeit. Bleiben die Niederlande noch die Niederländer wenn so viele Ausländer zu uns kommen? Bleibt meine Wohngegend meine Wohngegend wenn wieder eine Kirche geschlossen und eine Moschee gebaut wird? Warum passen die Neuen sich nicht an uns an? Sie werden doch meinem Sohn nicht den Job wegnehmen? Dieses Unbehagen wurde von den traditionellen politischen Parteien, auch von meiner eigenen Partei, der CDA, lange als eine falsche Reaktion auf schnelle Veränderungen in der Welt abgewertet worden. Doch dieses Unbehagen ist begreiflich.“  Im selben Monat gab es einen Kurswechsel in der Integrationspolitik der Niederlande, mit der Forderung nach stärkerer Eigenverantwortlichkeit der Immigranten (NiederlandeNet berichtete).

„Direkt aus dem Herzen“, „starke Rede“, „kein Durchschnitt“ lauteten die Reaktionen der Medien auf die Rede Dchars. Die iranischstämmige Journalistin Ferdows Kazemi lobte und bedauerte zur gleichen Zeit, dass Dchar sich als Vertreter einer Gruppe versteht. „Er steht nicht als Person da vorne, sondern als Gruppe. Er ist nicht Nasrdin Dchar, der als bester Hauptdarsteller das Goldene Kalb in Händen hält, sondern der niederländische Muslim mit marokkanischem Blut. […] Ich bedaure die Tatsache, dass Schauspieler und Künstler, die als Individuum die Belange einer Gruppe vertreten nicht nur im unterdrückenden System meines Vaterlandes nötig sind, sondern auch in den freien Niederlanden.“

Dchar gewann das Goldene Kalb für seine Darstellung des Nadirs in dem Film Rabat - ein Roadmovie der Regisseure Jim Taihuttu und Victor Ponten über drei Freunde, die auf der Reise von Amsterdam nach Rabat (Marokko) sich sowohl gegenseitig als auch selbst besser kennenlernen. Die Independent-Produktion war ebenfalls für den besten Film und das beste Szenenbild nominiert, unterlag jedoch in beiden Kategorien der Konkurrenz. Das Goldene Kalb für den besten Spielfilm gewann Black Butterflies von Paula van der Oest, die Verfilmung des Lebens von Ingrid Jonker, einer südafrikanischen Dichterin. Hauptdarstellerin Carice van Houten – dem deutschen Publikum vor allem aus dem Film Blackbook bekannt – gewann mit ihrer Darstellung der Ingrid Jonker das fünfte Goldene Kalb ihrer Karriere. Zwei Goldene Kälber für die beste Regie und das beste Szenenbild gingen an das Beziehungsdrama Brownian Movement von Nanouk Leopold. Den Preis der Nederlandse Filmkritiek gewann der Film Curaςao von Sarah Vos und Sander Snoep. Die Dokumentation über die gegenwärtige Lebenswelt der gutsituierten, weißen, niederländischen Oberschicht  auf der kleinen Karibikinsel ist Mitte Oktober auf dem Filmfestival Münster auch für das deutsche Publikum zu sehen.