Nachrichten November 2011



ATOMKRAFT:  Schließung AKW Borssele – Ausbau UAA Almelo?

Almelo/Borssele. AF/BBU/DS/FAZ/FD/MV/NRC/Spiegel/stern/SZ. 03. November 2011.

Nach der Atom-Katastrophe in Fukushima hatten sich die Atomaufsichtsbehörden der EU-Mitgliedsländer im März dieses Jahres darauf verständigt, alle 143 in der Europäischen Union betriebenen Atomkraftwerke einem Stresstest zu unterziehen. Gestern wurden die Ergebnisse dieses Tests für die Niederlande bekanntgegeben. Demnach erfüllt das einzige niederländische Atomkraftwerk in Borssele zwar die gesetzlich geforderten Sicherheitsstandards, doch gäbe es sehr wohl noch Spielraum zur Verbesserung. Die niederländischen Grünen und Greenpeace forderten daraufhin die Schließung des Atommeilers. Gleichzeitig wurde bekannt, dass das niederländische Energieministerium den Ausbau der Uranium-Anreicherungsanlage in Almelo genehmigt hat. Protest blieb aus.

Mit dem EU-weiten AKW-Stresstest soll herausgefunden werden, ob die Reaktoren auch in Notsituationen wie Flugzeugabstürzen, menschlichen Bedienfehlern oder Naturkatastrophen weiterhin sicher funktionierten. Terrorgefahren sollten nicht Teil des Stresstests sein, sondern in einer eigenen Arbeitsgruppe untersucht werden.

Umweltschützer in ganz Europa kritisierten den Stresstest von Anfang an. In ihren Augen war der Prüfkatalog unzureichend und die Durchführung zu lax. Lediglich die Auswirkungen von Naturkatastrophen waren obligatorisch zu untersuchen, strengere Tests konnte jedes Land freiwillig durchführen. Ende Oktober meldete der Standard aus Österreich, die Stresstests würden nach der Einschätzung der Umweltorganisation Greenpeace nicht gründlich genug durchgeführt. Das Risiko durch Abstürze großer Flugzeuge werde weitgehend ignoriert. Zudem prüfe man kaum, was bei einem gleichzeitigen Versagen mehrerer Werke in einer Anlage passiere.

Sofortige Schließung des AKWs bis es den höchsten Sicherheitsstandards gerecht wird

Die Niederlande haben das Szenario, wonach ein Passagierflugzeug auf das Atomkraftwerk Borssele stürzt, durchgespielt. Die äußerte Kuppel des Atomkraftwerkes ginge kaputt, wenn eine Boeing 747 darauf stürzte. Dies würde die Sicherheit der Bevölkerung allerdings nicht gefährden. Was passierte, wenn eine zweite Maschine in das AKW gesteuert würde, wurde nicht untersucht. Getestet hingegen wurde, was bei einem Erdbeben geschähe. Hier hielt das Kernkraftwerk doppelt so viel aus wie gesetzlich gefordert. Die Leitungen für zusätzlichen Kühlwassertransport in so einem Falle entsprechen ebenfalls den gesetzlichen Anforderungen, allerdings könnten hier noch technische Verbesserungen durchgeführt werden.

Während Energieminister Maxime Verhagen (CDA) die Ergebnisse als zunächst beruhigend empfand – auch wenn er die niederländische Atomaufsichtsbehörde KD noch einmal alles nachrechnen lassen will – nannte Greenpeace Nederland die Resultate Besorgnis erregend. „Es gibt so viele Mängel. Weitere Stromgeneratoren und Pumpen sollten hinzugefügt werden. Ich verstehe nicht, dass man sich darum noch nicht gekümmert hat“, so die Greenpeace-Strahlenexpertin Ike Teuling.

Die Parlamentarierin Liesbeth van Tongeren (GroenLinks) forderte die sofortige Schließung des AKWs bis es den höchsten Sicherheitsstandards gerecht werde. „Verhagen hat uns immer versichert, dass Sicherheit vorgeht und dass das AKW den höchsten Sicherheitsstandards entspricht. Nun hat sich gezeigt, dass dies nicht der Fall ist und dass die Sicherheitsmaßnahmen noch verbessert werden können“, wird Van Tongeren im NRC Handelsblad zitiert.

Eine sofortige Schließung des niederländischen Meilers fiele wohl tatsächlich nicht so sehr ins Gewicht. Im Moment liegt der Anteil der Kernenergie an der gesamten niederländischen Stromproduktion nur bei ca. 4 Prozent. Mehr als die Hälfte ihres Energiebedarfs (ca. 59 Prozent) decken unsere Nachbarn über Gas. In Deutschland wird der meiste Strom über Kohlekraftwerke erzeugt (rund 46 Prozent). Die Kernenergie liegt mit 23 Prozent auf Platz 2.

Deutschland hat, genau wie die Niederlande, den Absturz von Flugzeugen in die Untersuchung der AKWs mit aufgenommen. Die Ergebnisse zeigten, dass die ältesten Meiler – Isar 1, Neckarwestheim 1, Biblis A und B, Brunsbüttel und Philippsburg 1 – nicht ausreichend gegen den Einschlag einer großen Passagiermaschine gesichert wären. Zudem wurde auf die Sicherheit bei Erdbeben oder Hochwasser geprüft. Die deutschen AKWs zeigten sich grundsätzlich solide, kein einziger Meiler erreichte jedoch in jeder Testkategorie die beste oder zweitbeste Wertung.

Bau eines zweiten AKWs rechnet sich nicht - aber der Ausbau einer Anreicherungsanlage?

Während das Kabinett Merkel als Folge der Atomkatastrophe in Japan den Atomausstieg Deutschlands bis 2022 beschloss, verfolgte unser Nachbarland weiter den Plan, einen weiteren Reaktor – unter Beteiligung des deutschen Anteilseigners RWE – zu bauen (NiederlandeNet berichtete).

Auf den ersten Blick scheint es, als passiere nun das genaue Gegenteil und in den Niederlanden zeigen sich nun weit strengere Reaktionen auf die Ergebnisse des AKW-Stresstests als in Deutschland – Passenderweise berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung vergangenen Montag sogar, dass inzwischen auch in den Niederlanden die Zweifel an der Kernenergie wüchsen – doch auf den zweiten Blick wird deutlich, dass ein niederländischer Ausstieg aus der Atomkraft noch auf sich warten lässt. Die FAZ hatte sich auf die Aussage des Vostandschefs des Borssele-Betreiberkonzerns Delta, Peter Boerma gegenüber dem Financieele Dagblad, bezogen, dass sich der Bau eines zweiten AKWs „aufgrund der aktuell niedrigen Energiepreisen“ nicht rechne. Die Zweifel an der Kernkraft sind also weniger umweltpolitisch als betriebswirtschaftlich motiviert.

Keinen Zweifel zeigte auch Energieminister Verhagen als er am Mittwoch den Antrag der Uranium-Anreicherunganlage der Firma Urenco in Almelo auf Ausweitung der Produktion genehmigte. In einer solchen Anreicherunganlage wird Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken vorbereitet. Die Anlagen sind mit Radioaktivität, Atommüll und Urantransporten verbunden. Einen Flugzeugabsturz würde die UAA in Almelo nicht überstehen, so der deutsche Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) auf seiner Website. Gegen den Ausbau der UAA erhob kein niederländischer Politiker die Stimme, auch niederländische Umweltschutzorganisationen blieben bisher stumm.

Da Almelo nur ca. 35 km hinter der deutsch-niederländischen Landesgrenze liegt, konnten auch Deutsche bis zum 15. August Einspruch gegen den Ausbau einlegen. Der deutsche BBU hat mit einem Sammeleinspruch die niederländischen Umweltschützer unterstützt. Die Pläne zum Ausbau, die noch nicht rechtskräftig sind, können noch bis zum 15. Dezember im Gronauer Rathaus (Fachdienst Bauordnung und Baurechtsangelegenheiten) eingesehen werden.

Mehr über die niederländische Energiepolitik finden Sie in unserem Vertiefungstext Energiewirtschaft.