Nachrichten Mai 2011


LITERATUR: Libris Literaturpreis geht an Yves Petry

Amsterdam. AKS/TR/VK. 10. Mai 2011.

Der belgische Autor Yves Petry wurde am gestrigen Montag für sein Buch De Maagd Marino (dt. Die Jungfrau Marino) mit dem renommierten niederländischen Libris Literatuurprijs ausgezeichnet. Wie auch schon in den vergangenen beiden Jahren ging der Preis damit an einen flämischen Schriftsteller. Der Libris Literaturpreis wird jährlich für das beste niederländisch-sprachige fiktive Buch aus dem vorangegangenen Kalenderjahr vergeben. Den Preis gewannen bereits unter anderem Harry Mulisch im Jahr 1999 mit seinem Werk De procedure (dt. Die Prozedur) und Hugo Claus im Jahr 1997 mit dem Buch De geruchten (dt. Die Gerüchte). Für den Libris Literatuurprijs erhält der Autor eine Gewinnsumme von 50.000 Euro.

Gegen insgesamt 164 angemeldete Romane konnte sich De Maagd Marino in diesem Jahr durchsetzten. Petry war der einzige belgische Autor, der es mit seinem Buch unter die Top 5 der nominierten Werke schaffte. Letztendlich entschied sich die Jury für sein Buch, da das Werk „ein treffsicheres, intrigierendes Meisterwerk“ sei. Dabei verwendet der 1967 geborene Petry nach Ansicht der Jury „prachtvolle Bilder, eine rätselhafte Erzählperspektive und mysteriöse Passagen, die aus der Anekdote der Skandalpresse einen geheimnisvollen Roman macht.“ Dies hebe das Werk von den anderen nominierten Romanen heraus, so das Urteil der Jury.

Das Buch De Maagd Marino basiert auf der wahren Begebenheit des Kriminalfalls des „Kannibalen von Rotenburg“. 2002 wurde bekannt, dass ein Deutscher einen anderen Mann mit dessen Einverständnis getötet und dessen Körperteile eingefroren hatte, um diese wochenlang zu essen. De Maagd Marino ist allerdings keine Rekonstruktion der Tatsachen, sondern eine Reaktion auf die Geschehnisse. Die Geschichte wird dabei aus der fiktiven Sicht des Opfers erzählt, welches sich in der Ich-Perspektive an den Täter richtet. Damit diese Erzählperspektive gelingen konnte, musste Petry die Mordszene an den Anfang des Buches stellen, wie er in einem Interview mit der niederländischen Tageszeitung Trouw erklärt. Bereits 2006 habe Petry mit dem Gedanken gespielt, ein Buch über die damaligen Ereignisse zu schreiben. Allerdings sei er zu diesem Zeitpunkt in seiner Entwicklung als Schriftsteller noch nicht weit genug gewesen, so Petry. Das Ereignis habe ihn dennoch nicht losgelassen: „Ich dachte, dass ich es doch machen muss. Zu einem gewissen Zeitpunkt hatte ich keine Wahl mehr: es musste dieses Buch sein, oder kein Buch.“ Dabei fällt der Autor in seinem Werk, das erst das fünfte seiner Laufbahn als Schriftsteller ist, kein moralisches Urteil - weder über die fiktive Geschichte seines Buches noch über die echte Tat. Dies sei auch so beabsichtigt, erläutert Petry in dem Interview: „Ein Autor, der ein moralisches Urteil über seine eigene künstlerische Kreation fällt – das wäre tödlich. Ich versuche die Wirklichkeit interessanter zu machen. Moralisieren bringt uns der Wirklichkeit keinen Schritt näher.“