Nachrichten Juni 2011



GEDENKEN: Web-Projekt über untergetauchte Juden

Berlin. AKS/aviva-berlin/joodseomroep/verstecktwieannefrank.de. 20. Juni 2011.

Millionen von Menschen kennen die Geschichte des jüdischen Mädchens Anne Frank und ihrer Familie, die sich 1942 vor der drohenden Deportation in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam versteckt hielt. Beinahe 28.000 anderen Jüdinnen und Juden erging es ähnlich wie der Familie Frank: In den Jahren des Zweiten Weltkriegs mussten viele von ihnen vor den nationalsozialistischen Besatzern in den Niederlanden untertauchen. Nun macht eine Website auf die Geschichten und Schicksalsschläge eben dieser Menschen aufmerksam.

Insgesamt 23 Jüdinnen und Juden berichten auf www.verstecktwieannefrank.de von ihren Erlebnissen und Erfahrungen während der nationalsozialistischen Besatzung. Untermalt werden die Geschichten, die im niederländischen Original allesamt von den Zeitzeuginnen und -zeugen selbst eingesprochen wurden, mit Hilfe von 60 kurzen Animationsfilmen, die auf Schwarz-weiß-Zeichnungen basieren. Entwickelt wurde die Website von dem niederländischen Filmmacher Marcel Prins und dem Gestalter Marcel van der Drift. Sie basiert dabei ursprünglich auf dem Buch „Andere Achterhuizen. Verhalen van Joodse onderduikers“ (dt. „Andere Hinterhäuser. Geschichten jüdischer Untergetauchter“), ein Titel, der auf das Versteck von Anne Frank, dem sogenannten Achterhuis in Amsterdam in der Prinsengracht 263, verweist. In diesem Werk, das auch auf Deutsch erscheinen wird, präsentiert Marcel Prins in Zusammenarbeit mit Henk Steenhuis die Schicksale von fünfzehn Menschen, welche die nationalsozialistische Verfolgung in den Niederlanden überlebten. Die Website ist eine Weiterentwicklung des Buches; beide sollen zusammen eine Einheit bilden.

Zunächst war die Website lediglich auf Niederländisch veröffentlicht worden, nun gibt es aber auch eine deutsche und eine englische Übersetzung. Seit dem 16. Juni besteht für deutsche Interessierte die Möglichkeit, die Geschichten und Erinnerungen in der niederländischen Originalfassung mit Untertiteln oder aber die deutsche Übersetzung anzuschauen. Die Seite präsentiert sich zudem auf drei Ebenen: Auf der ersten Ebene sind die Berichte der Zeitzeugen selbst zu finden. Die zweite Ebene bietet Informationen zum Kontext der jeweiligen Erzählungen wie Hintergrundinformationen, biografische Angaben und Fotos. Die dritte Ebene soll in Zukunft den Lesern die Möglichkeit geben, ihre eigenen Geschichten publizieren zu können.

Wie der jüdische Rundfunk als Partner des Projekts  zu verstehen gibt, wollen die Macher mit dem Projekt ein „vielfältiges Bild der jüdischen Untergetauchten in den Niederlanden während des Zweiten Weltkriegs“ geben. Die Betroffenen waren oft an vielen verschiedenen Orten untergebracht, auf dem Land oder in der Stadt, sie wurden herzlich behandelt oder stießen auf Gewalt, mussten für ihre Unterkunft viel bezahlen oder wurden umsonst aufgenommen und immer gab es die Ungewissheit, ob sie verraten werden würden oder nicht. Zudem betont der jüdische Rundfunk, dass es sich bewusst nicht um ein wissenschaftliches, sondern um einen künstlerisches Projekt handelt, das auf der Basis des niederländischen kulturellen Erbguts basiert: „Einen ehemals Betroffenen selbst seine Geschichte zu zuhören und dies auch noch eindrucksvoll dargestellt zu sehen, macht die Dringlichkeit dieses Projekts sofort deutlich: In ein paar Jahren werden die meisten Erzählungen buchstäblich nicht mehr erzählt werden können“, schreibt der jüdische Rundfunk diesbezüglich.