Nachrichten Juni 2011



KERNABFALL: Greenpeace blockiert niederländischen Uranzug

Borssele/La Hague. TM/DS/NRC/nu.nl/VK. 08. Juni 2011.

Während man sich in Deutschland in diesen Tagen zu einem Beschluss über den Atomausstieg verständigt hat, sorgte in den Niederlanden gestern ein Transport von nuklearem Abfall für Schlagzeilen. Genauer gesagt war es dabei nicht der Transport selbst, der für Medieninteresse sorgte, sondern eher die verschiedenen Maßnahmen, welche Umweltaktivisten von Greenpeace zur Verhinderung des Transports unternahmen; eine  für die von der aktuellen Krenkraftdebatte verschont zu scheinenden Niederlande symptomatische Beobachtung. Der gestrige Uranzug transportierte in drei Waggons hochradioaktiven Abfall vom niederländischen Atomkraftwerk Borssele zur Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague, wo er heute auch eintraf. Fast vier Stunden konnten die niederländischen Greenpeace-Aktivisten den Transport am Dienstag aufhalten, bevor er seine Fahrt über Belgien in die Normandie fortsetzte.

Es war der erste Atomtransport seit langem, der sich gestern vom einzigen zur Stromproduktion genutzten Kernreaktor der Niederlande in der Gemeinde Borssele in Bewegung setzte – für die kommenden zwei Jahren sind noch zehn weitere Transporte von Kernabfällen geplant. Durch die französische Gesetzgebung war es seit sechs Jahren nicht möglich, niederländischen Atommüll dorthin zu verfrachten. Sehr weit kam der gestrige Transport allerdings zunächst nicht, da sich Greenpeace-Aktivisten in der Nähe des AKW an die Gleise gekettet hatten. Polizeikräfte versuchten über lange Zeit, die Gleise wieder frei zu bekommen und nach rund einer Stunde wurde deutlich, dass es sich bei der Aktion vor dem AKW um ein erstes Ablenkungsmanöver der Umweltaktivisten gehandelt hatte: einige Kilometer weiter baute man mit einem kleinen LKW, an den sich wiederum Aktivisten gekettet hatten, zeitgleich eine weitere größere Barriere auf. Bis die vor Ort versammelten Beamten die Strecke freigeräumt hatten, hatte der Atomtransport längst eine Verspätung von vier Stunden. 33 Greenpeace-Aktive wurden von der Polizei festgehalten und erst am Nachmittag wieder frei gelassen. Insgesamt hatten sich die Atomkraftgegner mehr von der Aktion erhofft: „Im besten Fall hätte der Zug gar nicht abfahren können, oder hätte zurückkehren müssen“, so Greenpeace-Aktivist Eloi Glorieux im belgischen De Standaard. Die mediale Aufmerksamkeit war Greenpeace jedoch gewiss: „Jeder weiß jetzt zumindest, dass der Zug hier durchgerollt ist. Auf lange Sicht ist das viel interessanter als lediglich ein paar Container aufzuhalten“, so Glorieux weiter.

Die jüngste Aufmerksamkeit der Medien für den Transport ist sicherlich auch durch den GAU im japanischen Fukushima zu erklären. Während in mehreren europäischen Staaten aktuell jedoch die Diskussion über das Für und Wider der Atomkraft geführt wird und in Deutschland sogar die mittelfristige Abschaltung der Atomkraftwerke geplant ist, sind bis auf die gestrige Aktion in den Niederlanden eher weniger kritische Töne zu vernehmen. Mitte April hatten sich zwar erstmals mehrere Tausend Kernkraftgegner zu einer Demonstration in Amsterdam zusammengefunden, wenige Wochen zuvor gingen in Deutschland jedoch in vier großen Städten  ganze 240.000 Protestler auf die Straße. In den Niederlanden will man keineswegs abschalten, sondern plant aktuell den Bau eines neuen Meilers in Borssele (NiederlandeNet berichtete). Greenpeace zeigte sich so jüngst auch bestürzt, dass die Pläne bei der niederländischen Regierung trotz der nicht aufhörenden Schreckensmeldungen aus Japan noch immer auf dem Tisch liegen. Das geplante Kraftwerk soll viermal so groß wie der heutige Meiler werden und seinen Strom größtenteils ins Ausland verkaufen.