Nachrichten Juni 2011



PROZESS: Ratko Mladić in Den Haag angekommen

Belgrad/Den Haag. TM/VK/TR. 01. Juni 2011.

Den Haag kann sich in diesen Tagen wieder zu Recht als „Stadt des Friedens, der Justiz und der Sicherheit“ bezeichnen. Der in der Stadt befindliche Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien – kurz Jugoslawientribunal – steht seit gestern Abend vor einem neuen öffentlichkeitswirksamen Fall. Nach der Festsetzung des lange Jahre gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladić in der vergangenen Woche in Belgrad wurde der ehemalige bosnisch-serbische General gestern in die Niederlande überführt. Gegen 21.20 Uhr traf der jetzt 69-Jährige unter schweren Sicherheitsvorkehrungen im Zellenkomplex der Vereinten Nationen im Haager Vorort Scheveningen ein und wurde formell an das Tribunal übergeben. Nach Aussage von Chefankläger Serge Brammertz ist die Überführung aus Belgrad ohne nennenswerte Komplikationen verlaufen. Die niederländischen Autoritäten „haben hervorragende Arbeit verrichtet“. Vor dem Komplex erwarteteten Mladić etliche Journalisten und viele Schaulustige – darunter viele Gegner aber auch Bewunderer des mutmaßlichen Kriegsverbrechers. Die niederländische Regierung fühlte sich in den vergangenen Jahren immer sehr verantwortlich für die Auslieferung Mladićs, was sich unter anderem auch bei den Verhandlungen über ein vollwertiges Partnerschaftsabkommen zwischen der EU und Serbien zeigte. Bis zuletzt verweigerten die Niederlande gemeinsam mit Belgien ihre Unterstützung für ein Abkommen, solange sich Serbien weigerte, Mladić nach Den Haag auszuliefern.

Mladić, der des Völkermords, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie verschiedenster Kriegsverbrechen beschuldigt wird, wird bereits am Freitag zum ersten Mal offiziell dem Jugoslawientribunal vorgeführt. Bis dahin wird er – wie auch den restlichen Verlauf des Prozesses über – im Scheveninger Zellenkomplex, der sogenannten United Nations Detention Unit (UNDU), verbringen, in dem auch die restlichen 35 derzeitigen Angeklagten des Tribunals auf ihr Urteil warten. Das Gefängnis gilt gemeinhin als weltweit humanstes seiner Art. So wird Mladić die nächste Zeit in einer 15 Quadratmeter großen Ein-Mann-Zelle verbringen, die mit einer Toilette, einer Waschgelegenheit, einem Fernseher, Bücherregalen sowie einer Gegensprechanlage ausgestattet ist. Auf „seiner“ Etage, wo sich auch eine Gemeinschaftsküche befindet, darf sich Mladić frei bewegen. Es steht den Gefangenen ein Tischfußball, mehrere Spiele sowie zwei Kühlschränke zur Verfügung; gekocht werden darf auch selbst. Weiterhin besteht die Möglichkeit, sich künstlerisch, handwerklich und sportlich zu beschäftigen oder an einem Computer- oder Englischkurs teilzunehmen. Sollte Mladić einmal vom Tribunal für schuldig befunden werden, wird er den UNDU-Komplex allerdings verlassen und seine Strafe in einem Gefängnis mit weniger „luxuriöser“ Ausstattung abbüßen müssen.

Bevor Mladić Serbien gestern verließ, hatten ihm die serbischen Autoritäten noch eine Fahrt zum Grab seiner Tochter Ana gestattet. Insgesamt 22 Minuten verbrachte Mladić außerhalb des Sichtfelds der versammelten Presse auf dem Friedhof, zündete angeblich eine Kerze an und hinterließ einen Blumenstrauß. Seine Tochter hatte sich 1994 mit 23 Jahren mit der Pistole ihres Vaters erschossen. Im Anschluss nahm Mladićs im Gefängnis Abschied von seinem Sohn, seiner Schwiegertochter und seinen beiden Enkelkindern.

Wann der Prozess gegen den Ex-General tatsächlich beginnen wird, hängt davon ab, wie lange Mladić dafür benötigt, um seine Verteidigung zu organisieren. Weiterhin fraglich ist aktuell zudem noch, wie es mit seinem gesundheitlichem Befinden ausschaut. Zwar hatten serbische Ärzte und Richter Mladićs Gesundheitszustand als so stabil eingeschätzt, um sich vor Gericht verantworten zu können. Bei seiner Festnahme in der vergangen Woche zeigte sich jedoch ein äußerlich sehr schwach wirkender Angeklagter. Sein Anwalt ließ unterdessen erklären, dass sich Mladićs Gesundheitszustand derzeit alarmierenden sei. Auch wurde bekannt, dass er sich im Jahr 2009 einer Operation hat unterziehen müssen und im Zuge der damaligen Erkrankung auch chemotherapeutische Maßnahmen bekommen hat.

Weitere Informationen zum Jugoslawientribunal gibt es hier.