Nachrichten Juni 2011



GEDENKEN: Hans Keilson gestorben

Hilversum. CK/VK/NZZ Online/n.tv. 01. Juni 2011.

Als „Genie“ bezeichnete die New York Times Hans Keilson im vergangenen Jahr und machte den Autor damit in späten Jahren noch weltbekannt. Gestern verstarb der deutsch-niederländische Schriftsteller und Psychoanalytiker im Alter von 101 Jahren in einem Krankenhaus im niederländischen Hilversum. 1909 im brandenburgischen Bad Freienwalde als Sohn eines jüdischen Textilhändlers geboren, studierte Keilson in Berlin Medizin. 1933 debütierte er mit seinem autobiographischen Werk Das Leben geht weiter als letzter jüdischer Autor im S.-Fischer-Verlag.

Auf Anraten des Verlages emigrierte er 1936 in die Niederlande, wo er unter dem Pseudonym Benjamin Cooper weiterhin literarisch tätig war. Der Verfolgung entgehen konnte er damit letztendlich jedoch nicht: Im Mai 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht die Niederlande. Bald wurden die antijüdischen Verordnungen auch in dem besetzen Gebiet eingeführt und im Jahr 1942 begann die systematische Deportation der Juden aus den Niederlanden. Keilsons Eltern, die er Ende der 30er Jahre in die Niederlande nachgeholt hatte, wurden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Er selbst tauchte unter und konnte sich so der Deportation entziehen. Unter falschem Namen reiste er während dieser Zeit durchs Land und leistete insbesondere untergetauchten jüdischen Kindern mentalen Beistand.

Nach dem Krieg blieb er dieser Aufgabe treu: Als Psychoanalytiker spezialisierte er sich auf die Arbeit mit jüdischen Waisen und schuf mit seiner Dissertation über die Sequentielle Traumatisierung bei Kindern ein Standardwerk. Bis an sein Lebensende übte Keilson seinen Beruf im niederländischen Bussum aus. Aber auch literarisch verarbeitete er in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrungen der Verfolgung. Bereits 1947 erschien seine Komödie in Moll im Amsterdamer Querido-Verlag, die ebenso wie Der Tod des Widersachers (1959) als Meisterwerk gilt. Zahlreiche weitere Publikationen folgten. Nur wenige Wochen vor seinem Tod sind im S.-Fischer-Verlag seine Erinnerungen unter dem Titel Da steht mein Haus erschienen.