Nachrichten Juli 2011


GRENZLAND: Kooperation bei Klima, Kunst und Bildung, Krach um Gülle-Import

Den Haag/Berlin. AF/TR/AZ/WN/GD/Welt Online. 14. Juli 2011.

Während an der deutsch-dänischen Grenze diesen Sommer wieder Kontrollen durchgeführt werden sollen, wirbt das Grenzüberschreitende Büro für Tourismus der EUREGIO mit einer im Juli eröffneten, deutsch-niederländischen Wanderroute, welche die gemeinsame Grenzgeschichte zum Erlebnis machen soll: „Eine Grenze, die verbindet.“ Selten war die nachbarschaftliche Kooperationsbereitschaft zwischen Deutschland und den Niederlanden so sicht- und erfahrbar wie im Sommer dieses Jahres. Nicht nur bei der touristischen Erschließung des Grenzlandes, sondern auch im Bereich des Klimaschutzes und der Bildung, sowie in der Kunstszene arbeiten die beiden Nachbarländer Hand in Hand. Streitigkeiten gibt es in der Grenzregion derzeit nur bei der Einfuhr von organischem Dünger aus den Niederlanden.

Klimaschutz durch Geodaten-Austausch

„Die Landesgrenze bremst nicht mehr“, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) nachdem sich Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und die Niederlande auf einer Fachtagung Anfang Juli darauf verständigen konnten, beim Klimaschutz stärker zusammenzuarbeiten. Diese Klimaschutzkooperation ist ein neues Projekt innerhalb des grenzüberscheitenden Programms X-border-GDI. Seit 2004 werden hier Geo-Informationen zusammengeführt und ausgetauscht. Neben Fragen zum Klima und den regenerativen Energien kommen die Daten dabei auch beim Hochwasser- und Katastrophenschutz zum Einsatz. Weitere Bereiche sind die Raum- und Verkehrsplanung. Im neuen Teilprojekt geht es darum, mit Hilfe der Geo-Informationen die Nutzung erneuerbarer Energien zu fördern. Verwaltung, Wirtschaft, aber auch Nicht-Experten sollen anhand der Daten zum Beispiel Auskunft über potentiell lohnende Standorte für Windkraftanlagen oder Solaranlagen erhalten.

Grüne Berufe im Nachbarland: Jump across borders

Ein weiteres Projekt bei dem grenzüberschreitender Austausch stattfindet ist die euregionale Berufsbildungszusammenarbeit Jump across borders. Hier geht es, anders als bei X-Border GDI, jedoch nicht um Daten, sondern um junge Menschen, die sich in der Ausbildung befinden. Das deutsch-niederländische Gemeinschaftsprojekt des  IMBSE e.V., CITAVERDE und Gilde Opleidingen, ermöglicht deutschen und niederländischen Auszubildenden in grünen Berufen, ein Praktikum im jeweiligen Nachbarland zu machen, oder gleich die ganze Ausbildung dort zu absolvieren. „Junge Menschen in der Ausbildung können von der praktischen Erfahrung auf der anderen Seite der Grenze viel lernen - und davon profitieren ja auch ihre Ausbildungsbetriebe“, so Bodo Kalbfleisch vom IMBSE bei einer Informationsveranstaltung Anfang Juli in Moers.

Grenzenlos: Deutsch-niederländische Wanderroute

Mitte Juli wurde in Dinxperlo die Wanderroute GrenzenLos eröffnet. Die 17,5 Kilometer lange Strecke, die durch das südliche Münsterland und den Achterhoek führt, soll anhand 19 ausgewählter Punkte, wie beispielsweise dem Grenslandmuseum in Dinxperlo, deutsch-niederländische Grenzgeschichte erlebbar machen. Mit der Wanderung beginnen kann man von zwei Punkten aus. Von deutscher Seite startet man in Brüggenhütte, in den Niederlanden ist der Beginn der Route Welinkbos. Gekennzeichnet ist die Strecke mit einem Logo in den Nationalfarben der Niederlande und Deutschlands. Der grenzüberschreitende Wanderweg ist Teil des Euregioprojekts Grenzkorridor, und wurde von den Städten Bocholt und Aalten mitfinanziert. Harald Krebs, Geschäftsführer der EUREGIO nannte die Wanderroute über die Grenze „beispielhaft für Europa“, bemängelte jedoch das geringe Interesse Den Haags an der deutsch-niederländischen Grenzregion.

Kunst: Kohl und Türkischer Imbiss

Auch im Kunst- und Kulturbereich finden in diesem Sommer mehrere grenzüberschreitende Veranstaltungen statt. Im Rahmen des binationalen Kunst- und Kulturreigens GrensWerte kann man zurzeit beispielsweise eine mobile Film-Lecture Performance der Theaterleute Ruth Schultz und Harald Redmer erleben, bei der türkische Imbiss-Besitzer auf beiden Seiten der Grenze zu Wort kommen. Im Fokus des Interesses steht bei Türkçe Talk dabei die türkische Sicht auf Kultur und Lebensart der Niederländer und Deutschen. Die Vorführungen finden passenderweise in türkischen Imbissbuden in beiden Ländern statt. Der Eintritt ist frei. Die Termine für Deutschland: 16. Juli: Sabo's Pizza, Südlohn 19. Juli: Bosporus Grill, Münster; jeweils 20 Uhr.
Wer grenzüberschreitende Kunst lieber an der freien Luft genießen will, der kann noch bis zum 2. Oktober die Skulpturenausstellung Kunst trifft Kohl an elf verschiedenen Standorten von Münster bis Enschede besuchen. Insgesamt sind über 50 Kunstschaffende aus beiden Ländern an dem Projekt beteiligt, dessen Ziel es ist, Kunst in die Gärten der Menschen zu bringen. Weiter Informationen über die Künstler, die Skulpturen und vor allem die Ausstellungsorte finden Sie auf der Website www.kunst-trifft-kohl.de.

Streitpunkt: Gülle

Ein Punkt, bei dem es mit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit momentan jedoch nicht zum besten steht, ist der Gülle-Export von den Niederlanden nach Deutschland. Ein Erlass der Landwirtschaftsministerien Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen untersagt seit dem 1. Januar dieses Jahres den Import von Gülle; es sei denn sie wird 20 Minuten lang bei über 100 Grad sterilisiert. Seitdem ist die Zahl der Schweinegülle-Importe aus den Niederlanden offiziell um rund 54 Prozent zurückgegangen, denn eine Sterilisationsanlage ist teuer.

Viele vermuten hinter der Sterilisationsvorschrift nur ein vorgeschobenes Argument der deutschen Landwirtschaftsministerien. Da die Niederlanden ein kleines, stark bebautes Land sind, war der Überschuss an organischem Dünger  schon immer sehr hoch - auch bereits bevor es die Sterilisationsvorschriften gab. Die Preise für die Abnahme der Gülle waren dementsprechend niedrig. Die deutschen Ackerbauern bekamen sogar manchmal Geld dafür, die Gülle auf ihren Feldern auszubringen. Deutsche Viehhalter im Grenzgebiet hingegen klagten über Absatzschwierigkeiten ihrer Gülle in der eigenen Region.

„Die Deutschen versuchen bereits eine Weile, vom niederländischen Mist wegzukommen. Nordrhein-Westfalen hat Angst vor einem großen Gülle-Überschuss, doch bisher gibt es kaum Kontrollen, ob die Exportregeln auch befolgt werden“, so Sybren van Stralen, Düngemittelexperte bei der landwirtschaftlichen Unternehmerorganisation LTO Noord. Im Grenzgebiet umgehen tatsächlich viele niederländische Schweinebauern die strengen Exportregeln. Sie bringen ihre überschüssige Gülle auf Schleichwegen illegal über die Grenze. Der Kreis Kleve hat Die Landesregierung NRW inzwischen in einem Brief darum gebeten, diesem illegalen Dünger-Import ein Ende machen.