Nachrichten Januar 2011


GEDENKEN: Niederländer erinnerte an Sinti und Roma-Opfer des Holocaust

Berlin. AKS/bundestag.de/sintiundroma.de/welt.de. 28. Januar 2011.

Der niederländische Holocaust-Überlebende Zoni Weisz erinnerte am gestrigen Gedenktag in einer Rede an die Opfer des Nationalsozialistischen Regimes. 66 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung, die am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee erfolgt war, sprach Weisz als erster Vertreter der Sinti und Roma im Deutschen Bundestag über die schrecklichen Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges und seine eigene Flucht vor den Nationalsozialisten.

Weisz‘ Familie wurde im Jahr 1944 von den deutschen Truppen bei einer Großrazzia der Besatzer, die von niederländischen Polizisten unterstützt wurden, in der niederländischen Kleinstadt Zutphen gefangen genommen. Dem damals siebenjährigen Jungen gelang dank der Hilfe eines im Widerstand aktiven niederländischen Polizisten als einziger seiner Familie die Flucht. Vater, Mutter und Schwester wurden zunächst in das niederländische Durchgangslager Westerbork und danach weiter nach Auschwitz gebracht. Dort verstarb zuerst Weisz‘ Vater an den Folgen der schweren Arbeit, die den „Zigeunern“, wie sie abfällig von den deutschen Soldaten genannt worden waren, auferlegt wurde. Weisz‘ Mutter und Geschwister wurden im August desselben Jahres in Auschwitz vergast. „Das Gefühl, das einen durchfährt, wenn man erfährt, dass der eigene Vater, die eigene Mutter, die Schwestern und der Bruder von den Nazis aufgegriffen worden sind, ist nicht zu beschreiben“, so Weisz gestern vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Aber Weisz schilderte nicht nur seine eigene tragische Familiengeschichte. Er erinnerte auch an die vielen anderen Opfer aus Sinti und Roma-Familien, die unter den Folgen des Regimes leiden mussten. Weisz sprach dabei von einem „vergessenen Holocaust“, da das Schicksal der Sinti und Roma im Zweiten Weltkrieg bisher kaum thematisiert wurde: „Sind die Opferzahlen ausschlaggebend für die Aufmerksamkeit, die einem zuteil wird, oder ist das Leid des einzelnen Menschen wichtig?“ In seinen Augen habe die Geschichte sich abermals wiederholt und wiederhole sich noch stets. Sinti und Roma seien schon seit Jahrhunderten verfolgt und ausgeschlossen worden und werden es immer noch. Weisz erklärte, dass es menschenunwürdig sei, wie Sinti und Roma in vielen ost- und südeuropäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien behandelt würden: „Wir sind doch Europäer und müssen dieselben Rechte wie jeder andere Einwohner haben, mit gleichen Chancen, wie sie für jeden Europäer gelten“, so Weisz.

Zwei besondere Daten seien für den inzwischen 73-Jährigen besonders entscheidend und einprägsam gewesen. Zum einem sprach Weisz in seiner gestrigen Rede über den 17. März 1982, als der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die nationalsozialistischen Verbrechen an Sinti und Roma als einen Völkermord anerkannt hatte, der auf der Grundlage des Begriffs „Rasse“ begangen worden war. Dieser Tag sei in seinen Augen ein historisches Datum. Des Weiteren schmückte Weisz, der Gartenbau, Floristik, Garten- Landschaftsarchitektur und Kunstgeschichte studiert hatte, eine Ausstellungs- und Veranstaltungsfirma in den Niederlanden leitete und Träger des Offiziersordens von Oranien-Nassau ist, am 7. November 1999 das Berliner Reichstagsgebäude mit einem Blumenkunstwerk zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Bundestages: „Die Arbeit an dieser Blumendekoration hat mir ein gutes Gefühl beschert. Gerade hier, im Deutschen Bundestag, konnte ich zeigen, dass die Nazis uns nicht alle haben ermorden können.“ Noch heute engagiert sich Weisz für die Rechte der Sinti und Roma; er ist Mitglied des niederländischen und des internationalen Auschwitz-Komitees und berichtet als Zeitzeuge in Schulen von den Gräueltaten der Nazis.