Nachrichten Januar 2011


INTEGRATION: Offener Brief zeigt Missstände auf

Amsterdam. AKS/TR/VK 10. Januar 2010.

Die Stellung türkisch-niederländischer Jugendlicher ist in den Niederlanden überaus besorgniserregend. Dies erklärten zehn türkisch-niederländische Experten aus Wirtschaft und gesellschaftlichen Verbänden, in einem offenen Brief in der heutigen Ausgabe der niederländischen Volkskrant. In diesem Schreiben erklären die Autoren, dass viele türkisch-niederländische Jugendliche mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, apathisch werden oder ihr Wohl in einem stark konservativen Ausleben ihrer Religion suchen. Oftmals seien diese Probleme, die sowohl türkische Migranten als auch in den Niederlanden geborene türkisch-niederländische Jugendliche betreffen, überaus schwerwiegend.

Vor allem die Themen Integration und Akzeptanz spielen dabei eine große Rolle. Die Angst, niemals ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden, sondern „Bürger zweiten Ranges“ zu bleiben, ist laut der Autoren besonders groß. Dies läge nicht nur an dem Umstand, dass viele Jugendlichen immer noch als „Außenstehende“ angesprochen – in den Niederlanden werden beispielsweise Personen mit Migrationshintergrund als Allochthone bezeichnet – , sondern auch oftmals diskriminiert werden. Daher leidet eine große Anzahl der Heranwachsenden an mangelndem Selbstvertrauen, Versagensangst, Frustration und psychischen Beschwerden. Dies wirke sich beispielsweise auch auf die Beteiligung am Berufsleben und auf die schulische Laufbahn der Jugendlichen aus. Laut den Angaben der Autoren ist jeder vierte türkischstämmige Jugendliche in den Niederlanden arbeitslos. Zudem liegt der Prozentsatz der Schulabgänger dieser Gruppe nach einer Untersuchung der Universität Amsterdam in den Niederlanden viel höher als in anderen europäischen Ländern. Es gibt daher auch wenig türkisch-niederländische Vorbilder, mit denen sich die Jugendlichen identifizieren könnten, wie die Autoren in dem Brief erläutern.

Als Erklärung für die überaus schwierige Situation im Nachbarland nennen die Verfasser des Schreibens verschiedene Gründe. So spiele häusliche Gewalt bei den Problemen oftmals eine Rolle. Ferner seien die Verhältnisse in den Niederlanden für Migranten erheblich schwieriger geworden. Einrichtungen, die bei der Integration helfen sollen, wurden in den letzten Jahren vermehrt geschlossen; entweder geschah dies aufgrund von Verwaltungsfehlern, der Beendigung von Subventionsleistungen der Regierung, einem Mangel an freiwilligen Helfern oder dem Ausbleiben von finanzieller Unterstützung aus den eigenen Reihen. Doch nicht nur diese beiden Aspekte seien verantwortlich für die heiklen Entwicklungen. Viele Probleme entstünden auch aufgrund der Isolierung, in die sich türkische Niederländer zurückziehen. „Die türkische Gemeinschaft ist sehr stark nach innen gerichtet“, gibt Unternehmensberater Aydin Daldal zu verstehen, einer der Unterzeichner des Schreibens. Zum Teil ist auch der starke Einfluss der türkischen Regierung und türkisch-religiöser Organisationen auf die Jugendlichen besorgniserregend. Diese nehmen via Moscheen einen starken Einfluss auf das Leben der Türken in den Niederlanden, da die Jugendlichen dazu neigen, ihr Wohl in einem stark konservativen Ausleben ihrer Religion zu suchen. Hierdurch würden die Jugendlichen zur Loyalität gegenüber der türkischen bzw. religiösen Gemeinschaft aufgerufen, wodurch eine starke Anhängigkeit entstehen würde. Das Interesse, das eine kleine Gruppe Jugendlicher für eine radikale Interpretation ihrer Religion hegt, sei zudem bedenklich.

Die Unterzeichner betonten, dass sie auf die Probleme der Jugendlichen aufmerksam machen wollen und daher ihr Anliegen öffentlich machen. Denn obwohl sie sich bereits mit dieser Angelegenheit an die Regierung gewandt hatten, stießen sie dort nur auf taube Ohren: „Unsere Sorgen wurden nicht ernst genommen“, erklärt der Unternehmer und Pädagoge Kadir Tas, der ebenfalls zu den Autoren des Briefes gehört. Daher rufen die Autoren nun die Regierung, Vertreter der Bildung und Wirtschaft sowie türkische Organisationen dazu auf, sich mehr um diese Jugendlichen zu kümmern. „Stimuliert die Jugendlichen, sich zu beteiligen und sich als kritische Individuen zu entwickeln. Lasst sie spüren, dass sie in den Niederlanden – meist ihr Geburtsland – willkommen sind. Investiert in Bildung, Innovation und in einem günstigen Klima für Berufseinsteiger. Für die Zukunft der Jugendlichen und für die Zukunft von uns allen.“