Nachrichten Februar 2011


BILDUNG: Fach Deutsch fristet ein Nischendasein

Amsterdam/Den Haag. TM/DIA/TC. 22. Februar 2011.

In den Niederlanden wählen Schüler, Studenten und angehende Lehrer immer seltener Deutsch als Ausbildungsfach. Wie die jüngst veröffentlichte „Belevingsonderzoek Duits 2010“ des Deutschlandinstituts Amsterdam (DIA) darlegt, befindet sich „Deutsch“ im niederländischen Bildungssystem im einem „besorgniserregenden Zustand“. Dies hat nach Aussage der Studie, welche im Auftrag des niederländischen Bildungsministeriums erstellt wurde, weitreichende Konsequenzen für das Bildungssystem wie auch die Wirtschaft, wo ein breites Wissen über die deutsche Sprache und Kultur eigentlich immer mehr und nicht immer weniger gefragt sind.

Konzeptionell war es die Absicht der Forscher, die aktuelle Studie auf die im Jahr 1993 publizierte sogenannte Clingendael-Studie (NiederlandeNet berichtete) aufzubauen und diese weiterzuentwickeln. Seinerzeit konkludierten die Forscher des Clingendael-Institutes, dass junge Niederländer über nur geringe Kenntnisse zum Thema Deutschland verfügen: Die Deutschen wurden von den niederländischen Jugendlichen als arrogant, lautstark und aggressiv beschrieben. Das Bild Deutschlands – so eines der Ergebnisse der „Belevingsonderzoek Duits 2010“ – hat sich heute allerdings stark verbessert. Allerdings führt dies nicht automatisch auch zu einem besseren Image des Fachs Deutsch und der deutschen Sprache. Mehr noch: Die Anzahl an Schülern wie Studenten mit Deutsch als Wahlfach ist „dramatisch niedrig“. Auf den Universitäten mussten in der letzten Zeit sogar bereits einzelne Studiengänge geschlossen werden (NiederlandeNet berichtete).

Große Aufmerksamkeit nehmen in der Studie des DIA die Konsequenzen ein, welche der diagnostizierte Mangel an Fachkräften im Bereich Deutsch für die Wirtschaft hat. Durch die Rolle Deutschlands als größtes Exportland der Niederlande und die Rolle der Niederlande als wichtige Handelsdrehscheibe (NiederlandeNet berichtete) könne man es sich „einfach nicht erlauben, keine guten Kenntnisse von Deutschland und der Deutschen Sprache zu haben“. Im Jahr 2010 exportierten die Niederlande für fast 90 Milliarden Euro nach Deutschland. Durch die mangelnden Deutschkenntnisse entgingen der niederländischen Ökonomie nach Aussage der Studie jährlich bis zu 8 Milliarden Euro an Einnahmen. Gravierende Auswirkungen für niederländische Betriebe bei dem diagnostizierten rückläufigen Interesse für die deutsche Sprache und Kultur befürchtet auch die Deutsch-Niederländische Handelskammer (DNHK) in Den Haag. Wie Niels Koekoek von der DNHK gegenüber der Tageszeitung TC Tubantia sagte, nimmt man auch bei der DNHK das abnehmende Interesse deutlich wahr: „Das ist besorgniserregend, denn Deutschland ist für uns als Exportland wichtiger als Länder wie Frankreich, England und die USA zusammen genommen.“ Nicht verwunderlich dann auch, dass sich die von der DNHK angebotenen Seminare und Workshops zum Thema Handel mit Deutschland regelmäßig einer starken Nachfrage erfreuen.

Wie Konkret aus der aktuellen Studie hervorgeht, ist die allgemeine Kenntnis über den östlichen Nachbarn in den Niederlanden mittlerweile zufriedenstellend. Bezogen auf die deutsche Sprache sagen jedoch gut 61 Prozent der Befragten, dass sie Deutsch keine schöne Sprache finden – 36 Prozent finden es sogar eine uninteressante Sprache. 70 Prozent gibt jedoch an, Deutschland nicht mit etwas Negativem zu verbinden. Diese Normalisierung geht allerdings gleichzeitig auch mit einem gewissen Desinteresse einher. So ist Deutschland für grade einmal 36 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler ein einigermaßen interessantes Land. Bei der praktischen Wahl des Schulfaches Deutsch spielen verschiedene Motive eine Rolle: Für 46 Prozent ist die Sprache für den Alltag sehr nützlich, für 37 Prozent ist Deutsch ein vergleichbar einfaches Fach, 24 Prozent sind ferner der Meinung, dass sie die Sprache für ihre weitere Ausbildung oder Berufstätigkeit benötigen, 26 Prozent denken gar, dass es ihre eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt vergrößert.

So verwundert es auch nicht, dass die deutsche Sprache in den Augen der meisten Schülerinnen und Schüler eine Art „Geschäftsimage“ besitzt. Um dies zu verändern, schlägt das DIA vor, dem Bereich „Landeskunde“ innerhalb des Lehrplans mehr Platz einzuräumen. Nach Ansicht der Forscher müsste der Schwerpunkt beim Deutschunterricht und in der Lehrerausbildung mehr auf Literatur, Film und Musik gelegt und zudem mehr Kontakte mit deutschen Personen geknüpft werden. Wie Charlotte Broersma vom DIA sagte, sind diese wirtschaftlich alarmierenden Befunde jedoch selbst nicht das optimal Druckmittel, um die Schülerinnen und Schüler wieder mehr vom Deutschunterricht zu überzeugen: „Überschütte sie bitte nicht mit Exportzahlen oder Karriereratschlägen. Das Gehirn von Teenagern plant keine fünf Jahre im Voraus. Beginne mit Berichten auf Deutsch über Film, Gruppen wie Tokio Hotel, die Modeszene, den technisch schönen Fußball der deutschen Nationalmannschaft oder die Cafés auf dem Potsdamer Platz. Zeige, dass es ein hippes Land ist. Pack sie mit Berlin, Hamburg, München. Musik, Film, die Städte; das sind für Jugendliche die Brücken zur Sprache.“, so Broersma gegenüber TC Tubantia.

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie ist, dass die deutsche Sprache innerhalb des Deutschunterrichts in den Niederlanden lediglich eine untergeordnete Rolle spielt. So scheint eine Mehrheit von 61 Prozent der Deutschlehrer weniger als ein Viertel der Unterrichtszeit auch wirklich Deutsch zu sprechen – bei 10 Prozent der Befragten spricht der Lehrer sogar gar kein Deutsch. Selbst geben nur 8 Prozent der befragten Schüler an, die deutsche Sprache oft oder ständig während des Unterrichts zu sprechen – bei 92 Prozent geschieht dies jedoch nur ab und zu. Für 37 Prozent der Schüler ist dies zu wenig: Sie würden gerne mehr Deutsch sprechen. Als Lösungsweg aus diesem Dilemma gibt das DIA in ihrer Studie mehrere mögliche Empfehlungen: So sollte für angehende Deutschlehrer ein längerer Aufenthalt in Deutschland obligatorisch sein. Zudem sollte die Verwendung von Deutsch als Verkehrssprache innerhalb des Unterrichts stimuliert und vom niederländischen Bildungssystem vermehrt in deutsche Muttersprachler investiert werden. Niederländische Schulbuchverlage sollten überdies dazu angeregt werden, um Deutsch auch als Unterrichtssprache in ihrem Lehrmaterial zu verwenden.

Für die Untersuchung haben die Mitarbeiter des Deutschlandinstituts insgesamt 1.071 Schüler aus dritten und vierten Klassen von 14 niederländischen Realschulen und Gymnasien mit Hilfe eines Fragebogens befragt. Zudem hat man mit einigen Schülern sowie angehenden Deutschlehrern problemzentrierte Interviews durchgeführt.

Download der Broschüre mit den Ergebnissen der Studie.
Download der kompletten Studie des DIA.