Nachrichten September 2010



ANTILLEN: Aufhebung des Staatenverbandes unterzeichnet

Münster. TM/dT/NRC/TR. 10. September 2010.

In genau einem Monat – am 10.10.2010 – wird der Staatenverbund der Niederländischen Antillen endgültig der Vergangenheit angehören. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten gestern bei der Schlussrunde einer bereits seit mehreren Jahren andauernden Runde-Tafel-Konferenz im Rittersaal in Den Haag Vertreter der Antilleninseln Aruba, Bonaire, Curaçao, Saba, Sint Eustatius und Sint Maarten sowie der Niederlande. Mit dem Stichtag 10. Oktober wird es die Antillen nicht mehr geben – ab dem Zeitpunkt bekommen die Inseln Curaçao und Sint Maarten einen eigenen Status, wie ihn Aruba bereits seit einiger Zeit besitzt. Die drei restlichen kleinen Inseln Bonaire, Saba und St. Eustatius hingegen werden zu eigenständigen Gemeinden ohne provinziale Abhängigkeit innerhalb der Niederlande. Die Auflösung der Antillen führt als erstes dazu, dass alle Inseln des Verbundes zukünftig nichts mehr miteinander zu tun haben – mit den Niederlanden wird jeder sodann eigenständige Verbindungen unterhalten. An der letzten Parlamentssitzung der Niederländischen Antillen und der anschließenden feierlichen Zeremonie am 9. Oktober in Willemstad auf Curaçao wird unter anderem auch der Kronprinz Willem-Alexander mit seiner Frau Máxima teilnehmen.

Das im Oktober dieser historische Schritt begangen wird, geht auf eine lange Entwicklung zurück, welche zunächst am 15. Dezember 1954 mit der Unterzeichnung des Statutes für das Königreich der Niederlande durch Königin Juliana begann. Unter das Motto „Steunend op eigen kracht, doch met de wil elkander bij te staan“ (dt. „Gefördert durch die eigene Kraft, aber mit dem Wille einander beizustehen“) setzte das Staatsoberhaupt damals die Unterschrift auf ein Papier, welches den kolonialen Status der niederländischen Überseegebiete beenden und mit den Niederlanden, Suriname und den Niederländischen Antillen fortan drei autonome Ländern bilden sollte. Im weiteren Lauf der Geschichte ging 1975 zunächst Suriname in die Unabhängigkeit über. Im Jahr 1986 wurde der Insel Aruba ein „status aparte“ zugewiesen und sie wurde so zu einem vollkommen selbständigen und autonomen Land innerhalb des Königreichs der Niederlande.

Während sich Aruba nach seiner Unabhängigkeit wirtschaftlich vorbildlich entwickelte, wurde die Stimmung unter den verbliebenen Antillen-Inseln jedoch schlechter: Vor allem die kleinen Teile Bonaire, Saba, Sint Maarten und Sint Eustatius waren hinsichtlich ihrer Größe und Entwicklung der Hauptinsel Curaçao unterlegen – Curaçao besaß zudem die Mehrheit der Sitze im antillianischen Parlament, was den anderen Inseln praktisch kein Mitspracherecht einräumte. Aus diesem Grund kam es im Jahr 2000 in Sint Maarten auch zu einem Aufstand: Bei einer Abstimmung votierten fast 70 Prozent der Whlberechtigten für einen „status aparte“ wie auch bei Aruba zuvor geschehen; man wollte „los van het juk van Curaçao“ (dt. „los vom Joch Curaçaos“). Es sollte aber noch vier Jahre dauern, bis eine in den Niederlanden installierte Parlamentskommission einen Entwurf für das neue Königreich mit Curaçao und Sint Maarten als autonome Länder präsentierte. Bis zum gestrigen Donnerstag hat es dann noch einmal gedauert, bis alle Detailfragen geklärt waren und alle Beteiligten ihre Unterschrift unter das Dokument setzten. Ursprünglich wollte man den Übergang, der jetzt für den 10. Oktober geplant ist, bereits im Jahr 2008 durchführen. Von niederländischer Seite gab es aber teils große Einwände aufgrund der weit verbreiteten Kriminalität und Korruption auf den Karibikinseln (NiederlandeNet berichtete).

Das Verhältnis zwischen den Bewohnern der Niederlande und denen der ehemaligen Kolonialinseln in „de West“ ist nie ein sehr einfaches gewesen. Und auch mit dem neuen Status ist längst nicht jeder zufrieden. So können sich die Einwohner der zukünftigen niederländischen Gemeinden Bonaire, Saba und Sint Eustatius zwar auf wichtige Einrichtungen des modernen Versorgungsstaates wie ein gesetzliches Recht auf Krankenversicherung, bessere Bildungseinrichtungen, sozialen Wohnungsbau und das Stimmrecht bei den Wahlen zur Zweiten Kammer freuen. Die drei christlichen Inseln müssen aber auch für sie teils bittere Pillen wie das niederländische Abtreibungs- und Sterbehilferecht sowie die Homoehe schlucken – bis zur Einführung dieser Rechte wurde ihnen aber noch eine Übergangsfrist von zwei Jahren eingeräumt. Auf Bonaire und Curaçao ist das Bild von den „europäischen“ Niederländern zudem geprägt von reichen Neu-Insulanern, die Luxusvillen bewohnen, mit ihren schweren Geländewagen die Straßen besetzen und sich um die lokalen Sitten und Gebräuche nicht großartig kümmern.

Die Niederländischen Antillen bestehen zurzeit noch aus den fünf Inselgebieten Bonaire, Curaçao, Saba, Sint Eustatius und Sint Maarten. Hauptstadt und zugleich größte Stadt ist Willemstad. Die gesamte Landfläche beläuft sich auf rund 800 km2. Einwohner zählten die Antillen im Jahr 2009 rund 227.000 – etwa 134.000 davon allein auf Curaçao. Während Bonaire und Curaçao vor der Küste Venezuelas liegen und als „benedenwindse eilanden“ (dt. Inseln unter dem Winde) bezeichnet werden, sind die „bovenwindse eilanden“ (dt. „Inseln über dem Winde“) Saba, Sint Eustatius und Sint Maarten im Osten von Puerto Rico verortet.