Nachrichten Oktober 2010

AUSZEICHNUNG: Halbniederländer bekommt Nobelpreis

Stockholm. TM/kennislink.nl/NOS/NRC/TR/VK. 06. Oktober 2010.

Für die Niederländische Forschungsgemeinschaft NWO war es gestern ein guter Tag, nachdem die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Morgen verkündete, dass der 51-jährige Physiker André Geim gemeinsam mit dem 36-jährigen Konstantin Novoselov den diesjährigen Physik-Nobelpreis erhalten wird. Überreicht wird die mit umgerechnet einer Millionen Euro dotierte Auszeichnung am 10. Dezember in Stockholm. Der Grund für die hohe Auszeichnung ist die Entdeckung des ultradünnen Materials Graphen, welches die beiden Wissenschaftler im Jahr 2004 während ihrer Arbeiten in der Kohlenstoffforschung aufspürten.

Beide Forscher, die zurzeit an der Universität von Manchester beschäftigt sind, sind vom Ursprung her russische Staatsbürger, verfügen darüber hinaus jeweils aber auch über eine zweite Staatsbürgerschaft. Während Noveselov durch seine Forschungstätigkeiten im Laufe der Jahre die englische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, wurde Geim durch seinen jahrelangen Aufenthalt in den Niederlanden die niederländische Staatsbürgerschaft zuteil. Der 1958 im russischen Sotschi geborene russisch-niederländische Physiker war von 1994 bis zum Jahr 2001 als Universitätsdozent an der Radboud Universität in Nimwegen beschäftigt. Verbunden an die Niederlande ist Geim zudem durch eine weitergehende Vernetzung mit niederländischen Hochschulen. So besitzt er seit 2009 die Ehrendoktorwürde der TU Delft und ist seit Februar dieses Jahres als Hochschullehrer mit einem Stiftungslehrstuhl an die Universität in Nimwegen verbunden.

Das Besondere an den Entdeckungen von Konstantin Novoselov und seinem Doktorvater André Geim sind die „bahnbrechenden Experimente zu zweidimensionalem Graphen“, so das Nobelpreis-Komitee. Beide hätten „gezeigt, dass Kohlenstoff in so einer flachen Form außergewöhnliche Eigenschaften hat“. Zu diesen Eigenschaften gehört eine exzellente Leitfähigkeit für Wärme und elektrischen Strom, eine extreme Festigkeit und die geringe Dicke. Als Einsatzmöglichkeiten für das von Geim und Novoselov entdeckte Material kann man an die Raumfahrt, an die Flugzeug- und Automobilindustrie, durch sein transparentes Erscheinungsbild aber auch an den Einsatz in Touchscreen oder Sonnenkollektoren denken. Die Entdeckung von Graphen kann ich Nachhinein zu einem gewissen Teil als Zufall beschrieben werden. So ereignete sich die Entdeckung bei einem der sogenannten „Freitagabendversuche“, solchen munteren Experimenten, denen man laut Geim mindestens 10 Prozent seiner Zeit widmen sollte. In einem dieser Versuche zogen André Geim und Konstantin Novoselov im Jahr 2004 mit einem Stück Klebeband eine superdünne Scheibe Graphit von einer Bleistiftspitze ab. Das Resultat war eine Art zweidimensionaler Maschendraht aus Kohlenstoffatomen, der seitdem als Graphen bekannt geworden ist.

Das „Klebeband“-Experiment war nicht der erste ungewöhnliche „Freitagabendversuch“, mit dem Geim einen Preis gewann. So wurde ihm im Jahr 2000 bereits der sogenannte Ig-Nobelpreis, eine Art satirische Auszeichnung, die jährlich durch die US-amerikanische Organisation Improbable Research (dt. Unwahrscheinliche Forschung) verliehen wurde, zuteil, nachdem der äußerst humorvolle Physiker zusammen mit einem britischen Kollegen einen Frosch mithilfe eines sehr starken Magnetfelds im freien Raum hatte schweben lassen. Sein Humor wurde auch gestern Vormittag wieder sichtbar, als André Geim auf den Anruf des Nobelpreis-Komitees nicht großartig verwundert reagierte: „Es war keine große Überraschung wenn man bedenkt, dass man bereits seit zwei bis drei Jahren für den Preis gehandelt wurde.“, so Geim in einem NOS-Radiointerview. Schnell schob der Physiker dann noch schnell einen Scherz hinterher, indem er sich enttäuscht zeigte und konstatierte, dass er jetzt zukünftig keinen anderen Preis mehr gewinnen werde. Anlass für diese Aussage war ein freundschaftlicher Rat des ehemaligen deutschen Physik-Nobelpreisträgers Klaus von Klitzing, der Geim einmal mit auf den Weg gab, den Nobelpreis nicht zu früh in seiner Karriere zu gewinnen.

Auch wenn Geim nur ein halber Niederländer ist, ist die Freude in der niederländischen Wissenschaft ungetrübt. Jos Engelen von der Niederländischen Forschungsgemeinschaft NWO nennt den Preis so auch „einen absoluten Glücksfall für die niederländische Wissenschaft“. „Der Preis lässt erkennen, dass die niederländische Infrastruktur eine ist, bei der führende Vertreter in der Wissenschaft zu einem Nobelpreis durchströmen können.“, so Engelen weiter. Trotz des Lobes war Geim, der insgesamt sieben Jahre in den Niederlanden gewohnt und gearbeitet hatte, am Ende doch nicht ganz Glücklich mit den Forschungs- und Arbeitsbedingungen in seinem ehemaligen Gastland. „Das niederländische akademische System ist mir ein bisschen zu hierarchisch. Es ist wahrscheinlich das letzte Land, in dem das alte germanische Universitätssystem noch instand gehalten wird. Ein Professor ist der Chef und jeder in seiner Gruppe ist automatisch Untergebener. Sämtliche Ehre kommt letztendlich nur ihm zu.“, so Geim in einem Interview bei kennislink.nl. In diesem System fühlte sich der frisch gekürte Nobelpreisträger nicht Zuhause – in England, wo es ihn im Anschluss an seine Jahre in Nimwegen hinzog, seien die Verhältnisse anders.