Nachrichten November 2010

GEBURTEN: Lösungen für hohe Säuglingssterblichkeit?

Utrecht. TM/NRC/VK. 03. November 2010.

Bei der Säuglingssterblichkeit schneiden die Niederlande europaweit bereits seit Jahren sehr schlecht ab. Rund eines von 100 Babys stirbt dabei durchschnittlich bei der Geburt – das sind jährlich rund 400 Säuglinge. Europaweit weisen dabei nur Frankreich und Lettland schlechtere Zahlen auf. Eine Forschergruppe aus Gynäkologen, Hebammen, Neonatologen und Pathologen des Universitätskrankenhauses Utrecht war diesem Phänomen auf den Grund gegangen und hat jetzt im British Medical Journal Ergebnisse veröffentlicht. In ihrem Schlussbericht sehen die Forscher das spezielle niederländische Hebammensystem als kritisch an: Während der Verlauf von Schwangerschaften in Deutschland in der Regel von niedergelassenen Fachärzten für Gynäkologie und Geburtshilfe kontrolliert wird, wenden sich niederländische Frauen in der Regel an ihren Hausarzt und an die Hebamme, wenn sich Nachwuchs ankündigt. Durch diese ausgesprochen starke Stellung der Hebamme im niederländischen Gesundheitssystem finden in unserem Nachbarland viel mehr Hausgeburten statt als in allen anderen europäischen Ländern. Durchschnittlich erblicken in den Niederlanden ein Drittel aller Kinder außerhalb der Klinik das Licht der Welt, während etwa in Deutschland lediglich 1,5 bis 2 Prozent aller Kinder im Elternhaus oder einem von Hebammen geführten Geburtshaus geboren werden.

Die Zahlen, die sich bei der zwischen 2007 und 2008 bei rund 38.000 Säuglingen durchgeführten Untersuchung ergaben, sind alarmierend: So gehen Frauen, welche während der Geburt ihres Kindes von einer Hebamme betreut werden, ein zweimal so großes Risiko eines Kindstodes ein, als Frauen, dessen Betreuung durch einen Gynäkologen erfolgt. Sollte eine Schwangere während der Hausgeburt zudem in ein Krankenhaus oder an einen Gynäkologen überwiesen werden, dann ist das Risiko eines Babytodes bereits viermal so hoch. Laut den Forschern des Universitätskrankenhauses Utrecht ist es aber nicht die hohe Zahl an Hausgeburten an sich, welche für die hohe Säuglingssterblichkeit verantwortlich ist. Vielmehr sei es die starke Trennung und geringe Zusammenarbeit zwischen Hebammen auf der einen und Gynäkologen auf der anderen Seite. So entscheiden die Hebammen zu Beginn einer Schwangerschaft darüber, ob es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt. Ist dies der Fall, verweist man die werdenden Mütter zu einem Gynäkologen weiter. Alle anderen Frauen dürfen zuhause gebären. Wollen sie ihr Kind trotzdem im Krankenhaus zur Welt bringen, können sie dies unter der Aufsicht ihrer Hebamme tun. Mit den dort ansässigen Gynäkologen kommen die Schwangeren in der Regel jedoch nicht in Kontakt, da sie das Zimmer im Krankenhaus quasi nur „mieten“.

Anders ist es, wenn es bei der Geburt zu Schwierigkeiten kommt: „In dem Moment, in dem es mit der Hebamme zu Komplikationen bei der Geburt kommt, hat man einen längeren Weg zu gehen als wenn es beim Gynäkologen zu Komplikationen kommt“, sagt Neonatolog und Forscher Hans Brouwers vom Universitätskrankenhaus Utrecht. Zu solchen Komplikationen, die eine Überweisung ins Krankenhaus notwendig machen, kommt es beispielsweise bei 50 Prozent aller Frauen, die zuhause ihr erstes Kind gebären. Grade bei der Zweiteilung zwischen Hebammen- und Gynäkologensystem scheint es in den Niederlanden die größten Schwierigkeiten zu geben. Denn wenn eine Mutter durch Schwierigkeiten im Geburtsverlauf in die Klinik überwiesen wird, kommt es automatisch zu einer gewissen Verzögerung. Diese ist am größten, wenn es sich um eine Hausgeburt handelt, jedoch muss sich ein Gynäkologe auch bei einer von einer Hebamme betreuten Krankenhausgeburt erst einmal in den Fall einlesen und etwaige Untersuchungen erneut durchführen: „Würde es lediglich ein System geben, dann würde es schneller gehen“, so Forscherin und Gynäkologin Anneke Kwee.

Als Lösung schlagen Kwee und ihre Kollegen vor, ein einheitliches System zu schaffen und das aktuelle Hebammensystem zu reformieren. Kwee: „Man muss untersuchen, ob es funktioniert, um alle Frauen in einem Geburtshaus oder im Krankenhaus gebären zu lassen. Auf einer gemeinsamen Abteilung, wo jede Geburt durchgeführt wird – egal ob es sich um eine normale oder eine Risikoschwangerschaft handelt – und wo es sowohl Hebammen als auch Gynäkologen gibt. Wenn etwas schief läuft, wäre der Abstand so aufgehoben“. Eine andere Möglichkeit wäre laut Hans Brouwers, alle Erstgeburten im Krankenhaus stattfinden zu lassen. „Wie die Zahlen jetzt aussehen, ist man geneigt, um alle Geburten des ersten Kindes als Risikogeburten einzustufen“.