Nachrichten Januar 2010


KULTUR: Anne Frank-Vertraute: Miep Gies im Alter von 100 Jahren verstorben

Rotterdam. TM/miepgies.nl/NRC/VK. 12. Januar 2010.

Nach „kurzer Krankheit“ ist Miep Gies, Wegbegleiterin und Helferin von Anne Frank, am gestrigen Abend im Alter von 100 Jahren verstorben. Dies meldet die Website miepgies.nl, die durch den Sohn Gies’ betrieben wird. Miep Gies ging als „Retterin“ des Tagebuchs von Anne Frank in die Geschichtsbücher ein und leistete mit ihrem Buch „Meine Zeit mit Anne Frank“ im Jahr 1987 einen wichtigen Baustein für die Erinnerung an das Schicksal von Anne Frank und ihrer Familie.

Es waren nur noch wenige Wochen, dann hätte Miep Gies ihren 101. Geburtstag feiern können. Bis zu ihrem Tod wohnte sie in der niederländischen Region Westfriesland und verbrachte die letzten Stunden ihres Lebens nach einem Sturz im Dezember  in einem Pflegeheim. Zurückblicken auf ihr langes Leben äußerte sich die Hochbetagte zuletzt auf ihrem 100. Geburtstag zufrieden: „Es ist ein beeindruckendes Alter, welches ich noch in recht guter Gesundheit erreicht habe.“ Als roten Faden bezeichnete Gies damals das Glück, was ihr in ihrem Leben widerfahren ist. Glück scheint die hochbetagte Dame in ihrem langen Leben wahrlich gehabt zu haben – aber auch einige unheilvolle Situationen hat sie während der vergangenen hundert Jahre erleben müssen.

Miep Gies, die am 15. Februar 1909 als Hermine Santrouschitz in Wien geboren wurde, kam im Alter von elf Jahren durch ein Hilfsprojekt in die Niederlande. Sie fühlte sich in Amsterdam so heimisch, dass sie beschloss, in den Niederlanden zu bleiben. Mit der jüdischen Unternehmerfamilie Frank kam sie im Herbst des Jahres 1933 in Kontakt – Anne Franks Vater Otto suchte für seine Firma „Opekta“ an der Prinsengracht 263 (dem heutigen Anne-Frank-Museum) eine Sekretärin und stellte sie ein. Was sie damals wohl noch nicht ahnte: In den anschließenden Dienstjahren bei Opekta würde sie sehr viel Courage beweisen müssen. So kam sie während der Zeit nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande zunächst selber mit der Besatzungsmacht in Konflikt, da sie sich weigerte, in den niederländischen Ableger der NS-Frauenschaft einzutreten. Man zog ihren österreichischen Pass ein und forderte sie zum Verlassen des Landes auf. Nur die Ehe mit dem Niederländer Jan Gies im Jahr 1941 sicherte Miep Gies schließlich den Verbleib in der ihr so ans Herz gewachsenen neuen Heimat.

Als Otto Frank ihr im Frühjahr 1942 eröffnete, sich mit seiner und einer anderen befreundeten jüdischen Familie in einem Versteck im Hinterhaus des Firmengebäudes vor den Nationalsozialisten und der drohenden Deportation verstecken zu wollen, ging Miep Gies erneut ein hohes Risiko ein, da sie Frank ihre Hilfe anbot. Gemeinsam mit einigen wenigen Eingeweihten versorgten Miep und Jan Gies die beiden untergetauchten Familien über einen Zeitraum von rund zwei Jahren und stellten den einzigen Kontakt zur Außenwelt dar. In den Aufzeichnungen Anne Franks las sich dies anschließend so: „Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendwo Gemüse auf und bringt es in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit.“

Als das Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263 am 4. August 1944 schließlich dennoch entdeckt wird und alle acht Untergetauchten sowie zwei Helfer verhaftet wurden, blieb Miep Gies die Gefangennahme erspart. Durch einen glücklichen Zufall stammte der kommandierende SS-Mann genau wie sie ursprünglich aus Wien und lies sie laufen. Dieser Tatsache ist zu verdanken, dass die Aufzeichnungen Anne Franks später veröffentlicht werden konnten und heute in 70 Sprachen übersetzt sind. Denn Miep Gies fand die Manuskripte in den Räumen des Hinterhauses und nahm sie an sich. Gelesen hat sie die Texte damals aus Respekt vor den persönlichen Notizen von Anne Frank aber nicht. Erst durch Annes Vater, der als einziger der acht Untergetauchten die Zeit im Konzentrationslager überlebte, wurde der Wert der Aufzeichnungen für die Nachwelt entdeckt und die Manuskripte zur Veröffentlichung freigegeben.

Miep Gies hatte sich gemeinsam mit ihrem Mann Jan zuletzt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zwar hatte Gies nach der Erstveröffentlichung des Anne Frank-Tagebuchs weltweite Berühmtheit erlangt. So ist sie unter anderem weltweit mit etlichen Auszeichnungen – nach einem israelischen und deutschen zuletzt auch mit einem niederländischer Orden – bedacht worden. Kurz nach der Tagebuchveröffentlichung folgte aber ein Rückzug aus der medialen Öffentlichkeit. Trotzdem werden nach Bekanntwerden der Todesnachricht – wie auch ihren Geburtstagen – wieder etliche Briefe und Karten durch die Anne-Frank-Stiftung an die Hinterbliebenen weitergeleitet werden. Dafür sind unter anderem auch ihre Erinnerungen an Anne Frank, die sie 1978 als Buch herausbrachte, mit verantwortlich. Die Motivation dafür kam Gies durch etliche Briefe von Schulkindern, die ihr Fragen über die Zeit mit Anne Frank stellten. Trotz der noch immer anhaltenden Popularität ist Miep Gies selbst jedoch immer auf dem Boden der Tatsachen geblieben und sah sich selbst nicht als Heldin: „Ich habe das getan, was seinerzeit notwendig erschien“.