Nachrichten Januar 2010


ERINNERUNGSKULTUR: „Nach wie vor zu sensibel“ – deutscher Botschafter bei nationalem Volkstrauertag nicht erwünscht

Amsterdam. CK/NRC. 11. Januar 2010.

65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist in den Niederlanden eine Debatte darüber entbrannt, ob der deutsche Botschafter Thomas Läufer am 4. Mai am nationalen niederländischen (Toten-) Gedenktag teilnehmen sollte. Auslöser war eine Äußerung Läufers während der Dokumentar- Fernsehserie „De Oorlog“, wonach seiner Ansicht nach eine Teilnahme an der Gedenkveranstaltung wichtig für die „Annäherung und Versöhnung“ zwischen Deutschland und den Niederlanden wäre. Läufer und andere Vertreter der Bundesrepublik hatten in den letzten Jahren zwar verstärkt an lokalen Gedenkfeiern teilgenommen, zur offiziellen nationalen Veranstaltung in Amsterdam ist bislang jedoch noch kein deutscher Vertreter eingeladen worden. Bereits 1995 hatte der Zeithistoriker J.C. Hess für die Anwesenheit des deutschen Bundespräsidenten bei der Gedenkveranstaltung plädiert: „Es wäre gut, wenn die Nachbarn, die damals Opfer waren, die heutigen Deutschen nicht mehr in die Rolle der Täter drängen, sondern sie an allen Tagen des Jahres Willkommen heißen würden.“  15 Jahre später spricht sich der Historiker H.W. von der Dunk für eine Teilnahme des Botschafters an der Veranstaltung aus – nicht zuletzt aufgrund der „intensiven und offenen Konfrontation mit der belastenden Vergangenheit“, die in Deutschland stattgefunden hat und nach wie vor stattfindet.

Damals wie heute sieht man jedoch in den Niederlanden die Zeit dafür noch nicht gekommen: Es wäre nach wie vor ein sensibles Thema, so das „Comité 4 en 5“, das für die Organisation des nationalen Totengedenktages verantwortlich ist. Nach Rücksprache mit dem deutschen Botschafter ließ es deshalb am Donnerstag verlauten, dass Läufer nicht an den Gedenkveranstaltungen teilnehmen wird. R. Evers, Rabbiner der Niederländischen Israelitischen Glaubensgemeinde, befürwortet diese Entscheidung. Eine offizielle Einladung könnte seiner Ansicht nach den Eindruck erwecken, dass „alles nicht so schlimm war“ beziehungsweise „nicht mehr so schlimm ist“

Miep Gies hatte sich gemeinsam mit ihrem Mann Jan zuletzt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zwar hatte Gies nach der Erstveröffentlichung des Anne Frank-Tagebuchs weltweite Berühmtheit erlangt. So ist sie unter anderem weltweit mit etlichen Auszeichnungen – nach einem israelischen und deutschen zuletzt auch mit einem niederländischer Orden – bedacht worden. Kurz nach der Tagebuchveröffentlichung folgte aber ein Rückzug aus der medialen Öffentlichkeit. Trotzdem werden nach Bekanntwerden der Todesnachricht – wie auch ihren Geburtstagen – wieder etliche Briefe und Karten durch die Anne-Frank-Stiftung an die Hinterbliebenen weitergeleitet werden. Dafür sind unter anderem auch ihre Erinnerungen an Anne Frank, die sie 1978 als Buch herausbrachte, mit verantwortlich. Die Motivation dafür kam Gies durch etliche Briefe von Schulkindern, die ihr Fragen über die Zeit mit Anne Frank stellten. Trotz der noch immer anhaltenden Popularität ist Miep Gies selbst jedoch immer auf dem Boden der Tatsachen geblieben und sah sich selbst nicht als Heldin: „Ich habe das getan, was seinerzeit notwendig erschien“.