Nachrichten februar 2010

UMWELT: Niederländische Akademie der Wissenschaft will Klarheit in Klimadiskussion bringen

Amsterdam. Jok/Knaw/NRC/TR/VK. 11. Februar 2010.

Die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften (KNAW) wird in Zukunft eine führende Rolle bei der Diskussion um die Qualität von internationalen Klimaberichten und deren Forschungsverfahren einnehmen. Das hatte die KNAW am Mittwoch dieser Woche auf ihrer Homepage bekannt gegeben, nachdem eine Diskussion über fehlerhafte Angaben innerhalb des Klimaprotokolls der UNO in den Niederlanden zu ungewohnt heftigen Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaftlern und Politikern führte.

Vorangegangen war die Bekanntmachung, dass die im vierten Klimaprotokoll des  Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) - des 2007 mit einem Nobelpreis ausgezeichneten Weltklimarats - publizierten Angaben zum endgültigen Abschmelzen der Gletscher im Himalaya sich als unwahrscheinlich herausgestellt haben. Die fehlerhafte Prognose auf dem rund 300 Seiten umfassenden Klimaprotokoll nahm die sozialdemokratische Umweltministerin Jacqueline Cramer (PvdA) in einer Dringlichkeitsdebatte zum Anlass, dem niederländischen Institut für Umweltfragen (PBL) den Auftrag zu erteilen, Kapitel und Datensätze über die Niederlande auf „weitere Fehler“ hin zu überarbeiten. Das PBL würde fündig: Die Angaben zum Stand des Meeresspiegels in den Niederlanden waren fehlerhaft -  eine heikle Angelegenheit, da das PBL selbst das IPCC für den 2007er Bericht mit Datensätzen aus den Niederlanden versorgt hatte. Nach Bekanntgabe der falschen Zahlen – im Klimabericht ist die Rede davon, dass 55 Prozent der Niederlande unter Meeresspiegelniveau fallen würden, das niederländische Amt für Statistik (CBS) geht aber nur von rund 26 Prozent Landfläche unterhalb des Meeresspiegels und von 29 Prozent Landfläche, die „anfällig für Überschwemmung“ seien, aus, reagierte eine Vielzahl von niederländischen Politikern jeglicher Couleur ungewohnt heftig sowohl auf den Bericht als auch auf die Klimaforscher und die Umweltziele an sich: Cramer äußerte sich „sehr beunruhigt“ über die Fehler, immerhin stütze sie sich als Politikerin auf die Wissenschaft, ihr Vertrauen in das IPCC sei nachhaltig geschädigt.

Parteikollege und Regierungsmitglied Diederik Samson ging in seiner Kritik am IPCC weiter, indem er den Verfassern  „politische Motive“ unterstellte und den Vorsitzenden des Weltklimarates zum Rücktritt aufforderte, um das Vertrauen in ein „wertefreies“ Klimaforum zu gewährleisten. Forderungen wurden laut, die Verhandlungen rund um das Deichschutzprogramm Delta Werke vorerst auszusetzen und neue Ergebnisse abzuwarten. Im Internet wurden im Fahrwasser der fehlerhaften Prognosen diverse klimaskeptische Stimmen laut, die in der Affäre Beweise dafür sehen, dass die Arbeit und Qualität des IPCC grundsätzlich in Frage zu stellen sei. Betroffene Wissenschaftler sehen in den jetzt enthüllten Fehlern und der heftigen Diskussion eine Kampagne von Klimagegnern, die am Image des Weltklimarats rütteln, und die globalen Klimaschutzziele aussetzen wollen. Milieudefensie, die größte niederländische Umweltorganisation, hatte die Regierung Anfang Februar dazu aufgerufen, die Fehler des IPCC-Berichts in der Öffentlichkeit in einem angemessenen Rahmen zu behandeln: „Die Fehler rütteln nicht an den Hauptbeschlüssen des Berichts, dass die Erde sich erwärmt und die Menschen die Hauptursache dafür sind“, so ein Sprecher in der Volkskrant. Die Tatsache, dass sich Fehler eingeschlichen haben, sei „eine große Schlampigkeit“, dürfe aber, wie es mit Blick auf die politische Debatte in den Niederlanden geschehe, nicht als Anlass dafür genommen werden, den Klimawandel insgesamt in Frage zu stellen.

In einer Erklärung von 52 niederländischen Professoren in der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad wehrten sich diese gegen Anschuldigungen aus dem Lager der Klimaskeptiker, sie seien „Betrüger“ bzw. „Klimaterroristen“: Das Bild, das derzeit vom wissenschaftlichen Arbeiten lanciert werde, habe mit der Realität wenig zu tun. Die grundsätzlichen Beschlüsse des IPCC-Berichts seien nicht anzuzweifeln, vielmehr mache sich das Kollektiv Sorgen über das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Politik in Sachen Umweltfragen. Dieses trage durch solcherlei Debatten großen Schaden davon. Zudem wiesen sie das IPCC darauf hin, auf seiner Homepage schnell für eine Korrektur der Angaben zu sorgen. Auch das PBL betonte, dass die Niederlande Maßnahmen gegen den steigenden Wasserpegel treffen müssten, unabhängig von den fehlerhaft publizierten Zahlen.

Die KNAW beabsichtigt nun, so schnell wie möglich Topwissenschaftlicher aus verschieden  Themenbereichen rund um Umwelt- und Klimafragen zu versammeln und festzustellen, wo und in welchen Fragen Konsens herrscht und wo vertiefende Untersuchungen notwendig sind: „Die Gesellschaft hat in der Debatte über ein so wichtiges Thema das Recht auf verlässliche Informationen“, so die KNAW, ein kritisches Vorgehen, maximale Transparenz und eine auf  Sorgfältigkeit, Qualität und Integrität beruhende wissenschaftliche Betätigung stünden dabei an erster Stelle.