Nachrichten Dezember 2010

ZUGVERKEHR: Niederländer wollen Toiletten zurück

Den Haag/Utrecht. TM/TR/VK. 08. Dezember 2010.

Es war eine bittere Situation für viele niederländische Zugreisende am vergangenen Wochenende: Nicht genug, dass durch das anhaltende Winterwetter ein regelrechtes Chaos auf den Schienen entstand und Züge zum Erliegen kamen. Gestrandete Reisende in den Nahverkehrszügen der neuesten Generation suchten zusätzlich zu ihrem Pech auch vergeblich nach einer Möglichkeit, während der längeren Wartezeiten ihre Notdurft zu verrichten. Die neuesten, sogenannten Sprinterzüge, haben nämlich seit einiger Zeit keine Toiletten mehr an Bord. Die niederländische Bahn (NS) entschloss sich vor Anschaffung der modernen Züge dafür, da Zugreisende auf kurzen Strecken oftmals keine Toiletten benutzen und man so Kosten zu sparen konnte.

Die hochmodernen Nahverkehrszüge werden allerdings immer öfter auch auf langen Strecken eingesetzt – ganz zum Leidwesen nicht allein von Reisenden. Auch die Bahnangestellten in den Zügen beklagen sich über die fehlenden Sanitärräume. Aus diesem Grund wendete sich die Gewerkschaft FNV-Bondgenoten jetzt in einem offenen Brief an die NS-Direktion und forderte die niederländische Bahn auf, die Toiletten auch in die neuen Züge einzubauen: „Das Fehlen von Toiletten ist äußert unangenehm und unakzeptabel für Zugpersonal und Reisende.“ Es sei zudem nicht mit den Vorschriften der Berufsgenossenschaft vereinbar. Bis zum 16. Dezember gibt die Gewerkschaft der Bahn nun Zeit, sich zu äußern und kündigte andernfalls heftige Aktionen und Proteste an.

Neben Reisenden und Bahnangestellten ist das Fehlen der Toiletten seit einiger Zeit auch in der niederländischen zweiten Parlamentskammer ein Thema. Mehreren Abgeordneten und Fraktionen ist die Politik der Bahn ein Dorn im Auge; vom Kabinett wurde das Thema bisher aber eher negiert. Die zuständige liberale Infrastrukturministerin Melanie Schultz van Haegen-Maas Geesteranus (VVD) schlug sich nun aber aufgrund der hohen Kosten auf die Seite der NS. Für die 131 betroffenen Sprinterzüge beliefe sich die Aufrüstung mit Toilettenräumen auf insgesamt 100 Millionen Euro.

Viele Abgeordnete sind hier mit der Ministerin aber nicht einer Meinung. Am vergangenen Dienstag hat deshalb mit Farshad Bashir auch ein Abgeordneter der SP-Fraktion einen Antrag für den Einbau von Toiletten in die Kammer eingereicht, der anschließend von der Mehrheit gebilligt wurde. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Bahn sofort zum Handeln verpflichtet ist. Erst wenn die NS erneut den Zuspruch zur Befahrung des niederländischen Schienennetzes bekommen sollte – die nächste Ausschreibung findet im Jahr 2015 statt – wäre sie vertraglich zum Einbau von Toiletten verpflichtet. Aus diesem Grund plant mit der Grünen-Abgeordneten Ineke van Gent in der kommenden Woche eine weitere Parlamentarierin in dieser Sache einen Vorstoß. Van Gent will einen Änderungsantrag in der Zweiten Kammer einbringen, mit dem sie die NS zum sofortigen Handeln verpflichten will: „Es ist doch verrückt, dass wir bald in allen Zügen einen Internetzugang, aber keine Möglichkeit zum pinkeln haben“, so die Grünen-Politikerin spöttisch.