Nachrichten August 2010

GEDENKEN: Anne-Frank-Baum bei Unwetter umgeknickt

Amsterdam. AKS/NOS/VK/TR/NRC. 24. August 2010.

Der weltberühmte Anne-Frank-Baum ist gestern Nachmittag gegen halb Zwei umgefallen. Dies bestätigte die Anne-Frank-Stiftung dem regionalen Fernsehsender AT5 gestern Nachmittag. Der 150 Jahre alte Baum, den Anne Frank in ihrem Tagebuch dreimal erwähnt, war für viele eine Erinnerung an das junge, jüdische Mädchen, das sich während des Zweiten Weltkrieges im sogenannten Achterhuis (dt. Hinterhaus) vor den deutschen Besatzern verstecken musste. Vom Hinterhaus aus konnte Anne Frank die weiße Rosskastanie im Innenhof sehen. Der Baum war damit ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. So schrieb sie beispielsweise am 23. Februar 1944: „Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so, dass wir nicht mehr sprechen konnten.“

Geschichte

Der Baum, der zu den ältesten in Amsterdam zählte, sorgte in den vergangenen Jahren für viel Gesprächsstoff. Die Gemeinde wollte den von Schimmel stark befallenen Baum 2006 fällen lassen, was zu weltweiten Protesten führte. Der Streit um den Baum, den Anne Frank zuletzt am 13. Mai 1944 mit den Worten „Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr“ in ihrem Tagebuch erwähnte, zog sogar eine gerichtliche Auseinandersetzung nach sich (NiederlandeNet berichtete). Als Kompromiss und Lösung des Konflikts ließ die Gemeinde den Baum 2008 stark stutzen und eine Stahlkonstruktion zur Unterstützung des Baumes anfertigen. Man nahm an, dass der Baum so noch gute fünf bis fünfzehn Jahre überleben könne (NiederlandeNet berichtete).

Weitere Informationen über die Geschichte des Anne-Frank-Baumes sind in dem Dossier Erinnerungskultur in den Niederlanden zu finden.

Zu Beginn des Jahres hatten Experten noch eine gute Entwicklung des Baumes bestätigt; der Baum trug mehr Blätter als noch im Jahr zuvor. Dennoch ist die dreißig Tonnen schwere Kastanie gestern einen Meter über dem Boden abgeknickt; entwurzelt wurde der Baum nicht. Die Stahlkonstruktion hatte dafür gesorgt, dass der Baum in die „richtige“ Richtung gefallen ist, sodass keine Menschen verwundet und außer einer kleinen, an den Garten angrenzenden Mauer keine Gebäude beschädigt wurden. „Es ist unglaublich schade, dass es uns nicht gelungen ist, den Baum noch einige Jahre zu bewahren“, sagte Professor Arnold Heertje, der Vorsitzende der Stiftung Support Anne Frank Tree. „Dennoch ist es gut, dass wir es versucht haben. Für Millionen von Menschen ist Anne Frank das Symbol der Judenverfolgung. Und der Baum, den Anne Frank beschrieben hat, hatte für viele Menschen eine besondere Bedeutung. Das zeigte sich aus den Reaktionen als der Baum gefällt werden sollte.“

Ursachen

Während viele ebenfalls ihre Bestürzung über den Verlust des Baumes äußern, wird über die Ursache des Falls noch diskutiert. Angenommen wird, dass der Baum aufgrund des starken Windes umgestoßen wurde. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Baum durch die starken Regengüsse in den vergangenen Tagen so mit Wasser vollgesogen war, dass der Stamm das Gewicht nicht mehr tragen konnte. Die Ursache soll in den kommenden Tagen näher untersucht werden.

Im Internet wurden gestern bereits die ersten Reststücke des Baumes zum Verkauf  angeboten. Heertje bezeichnet dies als „wenig elegant“ im Hinblick auf die Geschichte. Die Kastanie sei schließlich ebenfalls ein Symbol für die Judenverfolgung.

Sprösslinge

Obwohl man hoffte, die Kastanie noch einige Jahre bewahren zu können, entschied sich die Anne-Frank-Stiftung vor einiger Zeit, Sprösslinge des Baumes zu ziehen. Inzwischen haben viele Schulen weltweit einen Ableger des Anne-Frank-Baumes bekommen. Allein in Amsterdam sind 150 davon im Wald zu finden. Auch im Innenhof des Hinterhauses sind Nachkömmlinge der Kastanie zu finden, dies seien die neuen Anne-Frank-Bäume, wie die Zeitung NRC Handelsblad einen Nachbarn des Hinterhauses gestern zitierte.