Nachrichten Oktober 2009


NS-KRIEGSVERBRECHEN: Prozessauftakt gegen Heinrich Boere

Aachen. CK/AD/NRC/Trouw/Süddeutsche. 28. Oktober 2009.

Vor dem Landgericht in Aachen beginnt heute der Prozess gegen den 88-jährigen ehemaligen SS-Mann Heinrich Boere. Boere, Sohn eines Niederländers und einer Deutschen, soll 1944 als Mitglied des SS-Sonderkommandos Feldmeijer drei Niederländer erschossen haben. Bereits 1949 war er in Abwesenheit von einem Sondergerichtshof in Amsterdam zum Tode verurteilt worden – das Urteil wurde später in lebenslänglich abgewandelt. Seine Haftstrafe verbüßt hat er jedoch nie: 1947 war ihm während eines Gefangenentransports die Flucht gelungen, anschließend lebte er nahezu unbehelligt in Deutschland. Da er eine deutsche Mutter hatte, konnte Boere die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen, die ihn vor einer Auslieferung schützte. Seit einigen Jahren ermittelt nun die Dortmunder Staatsanwaltschaft gegen ihn; eine Prozesseröffnung war aufgrund des Gesundheitszustandes des 88-Jährigen zunächst jedoch fraglich. Erst im Laufe des Jahres entschieden das Oberlandesgericht Köln und das Bundesverfassungsgericht über die Prozessfähigkeit des SS-Mannes.

Boere gehörte während der Besatzungszeit in den Niederlanden dem niederländischen SS-Sonderkommando Feldmeijer an, das unter dem Codenamen „Silbertanne“ von September 1943 bis September 1944 mindestens 50 niederländische Bürger ermordet hat. Die Morde waren eine Vergeltungsmaßnahme: Anschläge des Widerstands auf niederländische Kollaborateure  wurden mit der Ermordung von je drei anti-deutsch gesinnten Niederländern aus der Region vergolten. Boere wird in diesem Zusammenhang dreifacher Mord vorgeworfen.

Zu Prozessbeginn findete das Gerichtsverfahren in den Niederlanden große Beachtung. Mehr als die Hälfte der rund 40 angemeldeten Medienvertreter reist aus den Niederlanden an, um den „wahrscheinliche letzte Prozess gegen einen niederländischen Kriegsverbrecher“ (NRC Handelsblad) zu verfolgen. Anwesend sein werden auch einige Hinterbliebe der Opfer: Söhne der Ermordeten treten als Nebenkläger im Prozess auf.