Nachrichten Juni 2009


UNESCO AUSZEICHNUNG: Das Wattenmeer wird Weltkulturerbe

Sevilla/Kiel/Den Haag. JoK/NRC/Spiegelonline/VK. 29. Juni 2009.

Niederländische und deutsche Teile des Wattenmeers wurden vergangene Woche vom Welterbe-Komitee der UNESCO zum Weltnaturerbe der Menschheit erklärt. Auf den Erhalt dieser einzigartigen Naturlandschaft hat die weltweite Gesellschaft aus Sicht der UNESCO ein Anrecht. Der deutsche Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und die niederländische Umweltministerin Gerda Verburg zeigten sich sehr erfreut darüber, dass die im Jahre 2008 gemeinsam eingereichte Bewerbung ausgezeichnet worden ist.

Das Weltnaturerbe umfasst nun das niederländische Schutzgebiet Wattenmeer und die deutschen Wattenmeer-Nationalparks in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Die Fläche schließt mehr als 9.500 Quadratkilometer ein, rund 4.400 Quadratkilometer davon alleine in Schleswig-Holstein. Das Gebiet wird bereits seit Jahren durch Naturschutzbestimmungen geschützt. Im Teil der Niederlande umfasst es ein unbewohntes Gebiet aus Wasser, Deich- und deren Pflanzenlandschaften. Die Inseln zählen nicht dazu. Im deutschen Teil umfasst es ebenfalls die Wasserlandschaft mit Ausnahme einzelner Fahrrinnen. Hamburg hat seine Unterstützung zur Bewerbung wegen der geplanten Elbvertiefung zurückgezogen; der dänische Teil des Wattenmeers wird wahrscheinlich in Zukunft noch zur Auszeichnung hinzugerechnet werden.

Das Naturgebiet zwischen der holländischen Insel Texel und dem nördlichen Teil Sylts ist somit mit knapp 200 weiteren schützenswerten Naturdenkmälern wie dem Grand Canyon in den USA, dem Kilimandscharo in Tansania oder dem Great Barrier Reef vor Australien, in einem Atemzug zu nennen. Allein Naturgebiete mit außerordentlichem, einzigartigem Wert werden in die Liste aufgenommen. Das Gebiet muss bereits eine gewisse Bekanntheit erreicht haben, eine bestimmte Größe vorweisen können, in einem guten Zustand sein und entsprechend beschützt werden. Das Wattenmeer ist eines der „größten küstennahen und gezeitenabhängigen Feuchtgebiete der Erde“, wie das UNESCO-Komitee in seiner Beurteilung schreibt und eine der letzten ursprünglichen Naturlandschaften in Mitteleuropa. Es ist in seiner Art ein einmaliges Ökosystem und Heimat zahlreicher Pflanzen- und Tierarten und bedeutende Nahrungsstätte für Zugvögel. Die Auszeichnung ist somit nicht nur eine Honorierung der herausragenden Schutzbemühungen des Areals durch die Wattenmeeranrainer, sondern auch mit weltweiter Aufmerksamkeit und dementsprechend einem weiteren Zustrom an Touristen verbunden. Selbst eine Stimulierung der Industrie, die an das Naturgebiet grenzen, wird erwartet, da die Wertschätzung der Lebensqualität dieses Gebietes steigen würde.

Bestrebungen, das Wattenmeer in die Liste des Weltnaturerbes eintragen zu lassen, gab es auf Seiten der Niederlande bereits seit 1991. Aber erst 2005 beschloss man gemeinsam mit Deutschland Vorbereitungen zur Nominierung auszuarbeiten. Auf beiden Seiten der Grenze wurden Unternehmen aus der Wirtschaft, dem Tourismussektor und Naturschutzorganisationen versammelt, die über Pro und Contra einer Nominierung und deren Folgen debattierten. Jaap van Dijk, Vorsitzender dieser Interessenvertretung in den Niederlanden, gab an, dass sich die Diskussionen vor allem um die Angst vor zusätzlichen Gesetzgebungen drehte. Die Wahl zum Weltkultur- bzw. Weltnaturerbe basiert jedoch vor allem auf der Anerkennung der bisherigen Schutzbemühungen und ist nicht an strengere Vorschriften oder Naturschutzgesetze gebunden. Die UNESCO evaluiert das Gebiet oder den Ort alle sechs Jahre und kann den Titel auch aberkennen, wenn, wie im Fall der im Bau befindlichen Waldschlösschenbrücke in Dresden, zu große Eingriffe vorgenommen werden oder die Pflege und Bewahrung des Gebietes nicht mehr ausreichend gewährleistet ist. Im Falle einer Zurücknahme des Titels kann der Status nie wieder erworben werden. Die Zustimmung der Interessenvertretung zur Bewerbung enthält entsprechend auch kritische Anmerkungen, mit Blick auf einen naturverträglichen, nachhaltigen Tourismus. So wird in dem Antrag auf Aktivitäten im Wattenmeer aufmerksam gemacht, die zu einer Beeinträchtigung des Status führen könnten, wie z.B. Die Ausbaggerungen von Schifffahrtsrinnen oder Kabelverlegungen von Windparks. Militärische Übungsgebiete, wie sie in Teilen des Watts in den Niederlanden zu finden sind, oder etwa die Flächen um die Gas- und Öl-Förderstandorte in Schleswig-Holstein sollten vom Weltnaturerbestatus ausgenommen werden.
Umweltschutzorganisationen in Deutschland warnten vor einer Gefährdung der Artenvielfalt durch unkontrollierte Tourismusvorhaben, die finanziell nicht durch die derzeitigen Schutzbemühungen abgedeckt werden könnten.

Das Watt ist das zweite UNESCO-Weltnaturerbe Deutschlands neben der Fossilienlagerstätte „Grube Messel“ bei Darmstadt. Daneben kann sich Deutschland mit weiteren 32 Weltkulturerbetiteln, wie dem Kölner Dom, rühmen. Die Niederlande zählen mit dem Wattenmeer ihr inzwischen achtes Weltkulturerbe: Der Mühlenkomplex bei Kinderdijk oder das Rietveld-Schröderhaus in Utrecht befinden sich bereits auf der Liste.