Nachrichten Januar 2009


WIRTSCHAFT: Milliardenübernahme in der Energiebranche

Arnheim/Essen. FN/NRC/VK/FTD/SZ. 13. Januar 2009.

Der deutsche Stromanbieter RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk) will den niederländischen Energiekonzern Essent übernehmen. RWE kündigte am Montag an, ein Angebot von 9,3 Milliarden Euro in Bar vorlegen zu wollen. Dabei gehe es um die Übernahme sämtlicher Anteile an dem Strom- und Gasunternehmen mit Ausnahme des Netz- und Entsorgungsgeschäfts. Anders als in Deutschland ist die Liberalisierung des niederländischen Energiesektors weit fortgeschritten. Wie es Verbraucherschützer und Kartellbehörden auch für Deutschland seit Langem fordern, ist eine vollständige Trennung vom Netzbetrieb und der Energieversorgung in den Niederlanden üblich.

Die Essent NV mit Firmensitz in Arnheim ist der führende niederländische Energieversorger. Etwas 30 Prozent der niederländischen Haushalte (2,5 Millionen Kunden) beziehen ihren Strom und ihr Gas von Essent. Das Unternehmen ist auch in Belgien und Deutschland tätig. Der Konzern unterhält eigene Kraftwerke, in denen er einen großen Teil der an die Endverbraucher gelieferten Energie selbst herstellt. Das einzige niederländische Kernkraftwerk in Borssele ist zur Hälfte im Besitz von Essent. Zu 17 Prozent ist die Nutzung von Wind- und Wasserkraft als erneuerbare Energien an der Stromerzeugung beteiligt.

Bisher war der Energiebetrieb in öffentlicher Hand. Eigentümer sind sechs niederländische Provinzen und rund 140 Kommunen. Die Unternehmensführung hatte bereits im vergangen Sommer angekündigt, nach einem internationalen Partner für die Energieerzeugung und den Vertrieb zu suchen. Zuvor war ein geplanter Zusammenschluss mit dem zweitgrößten niederländischen Energiebetrieb Nuon gescheitert. RWE galt bereits als Favorit unter den möglichen Übernahmekandidaten. Der Essent-Deal soll RWE nach eigenen Angaben langfristig zum führenden Energieanbieter in Benelux machen. Vor dem Abschluss der Übernahme müssen aber noch der Gesamtbetriebsrat von Essent und die europäische Kartellbehörde zustimmen. Mit der Übernahme sind die großen niederländischen Stromversorger nun überwiegend in ausländischem Besitz. Wenn, wie angenommen, auch Noun bald verkauft wird, gibt es keinen niederländischen Energieproduzenten mehr. Die niederländischen Betriebe ließen wissen, dass sie zu klein sind, um selbständig auf dem liberalisierten Energiemarkt zu existierten.

Die niederländische Sektion des World Wild Fund for Nature (WWF) äußerte sich kritisch über die geplante Fusion. Im Falle der Übernahme durch den deutschen Energiekonzern RWE wolle man die Zusammenarbeit mit Essent als wichtigen Sponsor beenden. „RWE hat im Gegensatz zu Essent eine sehr dürftige Bilanz bei der Nutzung von erneuerbarer Energie vorzuweisen“, erklärte Johan van de Gronden, Direktor des niederländischen WWF. „RWE nutzt intensiv alte Kohlekraftwerke und hat anscheinend keine Ambitionen, dies zu ändern.“ Die niederländische Sektion des WWF arbeitet seit 1995 mit Essent zusammen. Essent war der erste Energieversorger, der in den Niederlanden aus regenerativer Energie gewonnenen „grünen Strom“ auf den Markt brachte. „Wir haben die Zusammenarbeit mit Essent noch nicht definitiv beendet, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass wir gemeinsam weiterarbeiten, wenn RWE einsteigt“, betonte Van de Gronden.