Nachrichten Januar 2009


NACHRUF: Dik Linthout (20. 8. 1943 – 23. 12. 2008)

Gerd Busse. 06. Januar 2009.

Für einen guten Witz oder eine Anekdote - insbesondere über das zuweilen schwierige Verhältnis der Niederländer zu den Deutschen - war Dik Linthout stets zu haben. Deshalb spickte er auch seine Vorträge und Bücher damit (Onbekende buren, Amsterdam: Atlas, 2000, bzw. Frau Antje und Herr Mustermann. Niederlande für Deutsche, Berlin: Ch. Links, 2002). Dik Linthout zu lesen oder ihm zuzuhören war deswegen das reinste Vergnügen – und lernen konnte man dabei auch noch jede Menge.

Beispielsweise lernte man von ihm, dass es sich bei Deutsch und Niederländisch um Schwestersprachen handele und es für einen Niederländer oder einen Deutschen gar nicht so schwer sei, die Sprache des Anderen zu erlernen. Hier greife nämlich die (von ihm übrigens frei erfundene) „Achtzigprozentregel“, wonach die beiden Sprachen zu achtzig Prozent identisch seien und man sich mit Hilfe einiger Tricks und Kniffe bereits ganz passabel über den Nachbarzaun hinweg verständigen könne. „Wenn man als Niederländer in Deutschland ist und dort Deutsch sprechen möchte“, so schrieb er einmal“, braucht man sich keine Sorgen um die grammatikalische Korrektheit zu machen. Eine Mitteilung wie ‚Die Mann, die da auf die Ecke steht, mit die Hände in die Säcke und die Hut auf...’ wird von den meisten Deutschen viel besser verstanden als etwa ein Oberbayer, der dasselbe auf Oberbayrisch zu sagen versucht.“

Die Sprache, d.h. die Verwandtschaft zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen, aber auch die Tücken, die darin liegen, gehörte überhaupt zu den Lieblingsthemen Dik Linthouts – kein Wunder, denn als viel beschäftigter Übersetzer so bekannter deutsch-sprachiger Autoren wie Heinrich Heine, Egon Erwin Kisch, Ingrid Noll oder Stefanie Zweig und langjähriger Niederländisch-Dozent am deutschen Goethe-Institut in Amsterdam war er gewissermaßen auf Sprache abonniert. Und auch dieses Thema bearbeitete er gern mit Anekdoten, vorzugsweise aus seinem familiären Umfeld: „Meine deutsche Schwiegermutter – ich bin seit vielen Jahren mit einer Deutschen verheiratet – spricht kein Englisch, und das Deutsch meiner Mutter ist eine oft sehr gewöhnungsbedürftige Eigenschöpfung. Als meine Mutter einmal als Nachspeise vruchtenvla servierte (Vanillevla aus der Packung, versetzt mit frischem Obst) war meine Schwiegermutter vor allem von dem ihr völlig unbekannten Vla sehr angetan, und sie fragte meine Mutter: ‚Annie, hast du das selbst gekocht’, woraufhin meine Mutter wahrheitsgemäß antwortete: ‚Ja, Kriemhild, dat hab ich selbst gekocht’ – denn das deutsche Wort ‚gekocht’ heißt im Niederländischen ‚gekauft’.“
In der deutsch-niederländischen Gemeinde war der Name Dik Linthout ein fester Begriff. Viele Deutsche oder Niederländer, die beruflich oder studienhalber mit dem Nachbarland zu tun haben, haben sein Buch gelesen – Onbekende buren steht mittlerweile in der siebten Auflage, Frau Antje und Herr Mustermann hat es immerhin zur fünften Auflage gebracht und eine eigene Verlagsreihe („Ausland für Deutsche“) begründet – oder sind ihm auf einem seiner zahlreichen Vorträge begegnet. Und manch einer verdankt ihm sogar sein Niederländisch, das er seinen deutschen Sprachschülern am Goethe-Institut mit viel Witz, Sachverstand und didaktischem Geschick beizubringen wusste.

Die, die ihm nahe standen, waren schockiert, als sie vor zwei Jahren von seiner schrecklichen Erkrankung erfuhren: Nach einem Zusammenbruch im Mai 2006 wurde bei ihm ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert. Doch Dik Linthout wäre nicht Dik Linthout gewesen, wenn er die Flinte ins Korn geworfen hätte: Bereits kurz nach seiner schweren Operation machte er sich, liebevoll unterstützt von seiner Frau Gisela und den beiden Kindern, wieder an die Arbeit, schrieb, hielt Vorträge und pflegte seine zahlreichen deutsch-niederländischen Kontakte. Die einzige Sorge, die ihn quälte, galt dabei nicht ihm selbst, son-dern seiner Frau, die er in der letzten Phase der Krankheit zärtlich-augenzwingernd seine „Geliebte und Krankenschwester“ nannte. „Für einen selbst ist die Sache einfach“, sagte er einmal. „Man stirbt und ist tot. Viel schlimmer ist es für meine Frau, die dann ohne ihren Partner weiterleben muss.“

Tapfer und mit bewundernswerter Kraft kämpfte er gegen die Geschwulst in seinem Kopf an, einen Kampf, den er verlieren musste und schließlich auch verlor. Am Abend des 23. Dezember starb Dik Linthout, nach kurzem Krankenlager, friedlich in seinem Haus in Amsterdam. Sein Tod ist ein großer Verlust für alle, die ihn kannten. Denn mit seiner sanften, humorvollen Art und seinem Wissen hat er mehr für die deutsch-niederländische Annäherung getan als es eine ganze Reihe hoch subventionierter Konferenzen jemals fertig bringen würde. Het ga je goed, Dik – wir werden dich vermissen.