Nachrichten Februar 2009


2. WK: Anne-Frank-Helferin feiert 100. Geburtstag

Amsterdam. TM/VK/diepresse.com/welt.de. 16. Februar 2009

Ohne ihren mutigen Einsatz wäre eines der bedeutendsten Manuskripte der NS-Zeit niemals veröffentlicht worden: In diesen Tagen ist Miep Gies – die „Retterin“ des Tagebuchs von Anne Frank, 100 Jahre alt geworden. „Es ist ein beeindruckendes Alter, welches ich noch in recht guter Gesundheit erreicht habe.“, ließ Gies zum Anlass Ihres Geburtstags verkünden. „Rückblickend kann ich sagen, dass Glück der rote Faden gewesen ist, der mein Leben durchlaufen hat.“ Glück scheint die hochbetagte Dame in ihrem langen Leben wahrlich gehabt zu haben – aber auch einige unheilvolle Situationen hat sie während der vergangenen hundert Jahre erleben müssen.
Miep Gies, die am 15. Februar 1909 als Hermine Santrouschitz in Wien geboren wurde, kam im Alter von elf Jahren durch ein Hilfsprojekt in die Niederlande. Sie fühlte sich in Amsterdam so heimisch, dass sie beschloss, in den Niederlanden zu bleiben. Mit der jüdischen Unternehmerfamilie Frank kam sie im Herbst des Jahres 1933 in Kontakt – Anne Franks Vater Otto suchte für seine Firma „Opekta“ an der Prinsengracht 263 (dem heutigen Anne-Frank-Museum) eine Sekretärin und stellte sie ein. Was sie damals wohl noch nicht ahnte: In den anschließenden Dienstjahren bei Opekta würde sie sehr viel Courage beweisen müssen. So kam sie während der Zeit nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande zunächst selber mit der Besatzungsmacht in Konflikt, da sie sich weigerte, in den niederländischen Ableger der NS-Frauenschaft einzutreten. Man zog ihren österreichischen Pass ein und forderte sie zum Verlassen des Landes auf. Nur die Ehe mit dem Niederländer Jan Gies im Jahr 1941 sicherte Miep Gies schließlich den Verbleib in der ihr so ans Herz gewachsenen neuen Heimat.
Als Otto Frank ihr im Frühjahr 1942 eröffnete, sich mit seiner und einer anderen befreundeten jüdischen Familie in einem Versteck im Hinterhaus des Firmengebäudes vor den Nationalsozialisten und der drohenden Deportation verstecken zu wollen, ging Miep Gies erneut ein hohes Risiko ein, da sie Frank ihre Hilfe anbot. Gemeinsam mit einigen wenigen Eingeweihten versorgten Miep und Jan Gies die beiden untergetauchten Familien über einen Zeitraum von rund zwei Jahren und stellten den einzigen Kontakt zur Außenwelt dar. In den Aufzeichnungen Anne Franks las sich dies anschließend so: „Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendwo Gemüse auf und bringt es in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit.“
Als das Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263 am 4. August 1944 schließlich dennoch entdeckt wird und alle acht Untergetauchten sowie zwei Helfer verhaftet wurden, blieb Miep Gies die Gefangennahme erspart. Durch einen glücklichen Zufall stammte der kommandierende SS-Mann genau wie sie ursprünglich aus Wien und lies sie laufen. Dieser Tatsache ist zu verdanken, dass die Aufzeichnungen Anne Franks später veröffentlicht werden konnten und heute in 70 Sprachen übersetzt sind. Denn Miep Gies fand die Manuskripte in den Räumen des Hinterhauses und nahm sie an sich. Gelesen hat sie die Texte damals aus Respekt vor den persönlichen Notizen von Anne Frank aber nicht. Erst durch Annes Vater, der als einziger der acht Untergetauchten die Zeit im Konzentrationslager überlebte, wurde der Wert der Aufzeichnungen für die Nachwelt entdeckt und die Manuskripte zur Veröffentlichung freigegeben.
Ihren 100. Geburtstag feiert Miep Gies zurückgezogen in ihrer Wohnung in Westfriesland. Durch die Anne-Frank-Stiftung werden ihr auch in diesem Jahr wieder unzählige Briefe und Glückwunschkarten aus der ganzen Welt zugestellt. Zudem ist sie weltweit mit etlichen Auszeichnungen – nach einem israelischen und deutschen zuletzt auch mit einem niederländischer Orden – bedacht worden. Trotz der noch immer anhaltenden Popularität sieht Miep Gies sich selbst aber nicht als Heldin: „Ich habe das getan, was seinerzeit notwendig erschien“.