Nachrichten September 2008



UMWELT: Kampagne gegen Zertifikatehandel beim Öko-Strom

Den Haag/Brüssel. 24. September 2008. FN/VK/De Telegraaf/corbey.nl.

Das gängige System, herkömmlich produzierten Strom durch „Öko“-Zertifikate umzudeklarieren, stößt nun in den Niederlanden auf Kritik. Die niederländische Europaparlamentarierin Dorette Corbey (PvdA) startete eine Aufklärungskampagne für die Bevölkerung. Die auflagenstärksten Tageszeitung der Niederlande, die Boulevardzeitung De Telegraaf titelte gestern prägnant „Grüner Strom ist Betrug“. Unter dieser drastischen Schlagzeile klärte Dorette Corbey dezidiert über den Zertifikatehandel bei den erneuerbaren Energien in Europa auf.

Mehr als zwei Millionen Niederländer haben sich für den so genannten „grünen“ Strom aus erneuerbaren Energien, wie zum Beispiel Wasser- und Windkraft entschieden. Die niederländischen Energieanbieter können jedoch der hohen Nachfrage nicht nachkommen, da in den Niederlanden nicht genug Windräder und andere nachhaltige Energiequellen zur Verfügung stehen. Dieses Problem wird gelöst, indem die Stromanbieter „grüne“ Stromzertifikate aus anderen europäischen Ländern kaufen, um die Nachfrage im eignen Land zu decken. Die Zertifikate stammen beispielsweise aus den skandinavischen Ländern, wo schon seit Langem viel Energie aus Wasserkraft gewonnen wird. Dabei wird der Ökostrom jedoch nicht tatsächlich in die Niederlande geleitet. Mit den Zertifikaten wird lediglich die Möglichkeit erworben, herkömmlich gewonnenen Strom, zum Beispiel aus Kohle- oder Gaskraftwerken, umzudeklarieren. Gerechtfertigt sei dies, so die Logik der EU-Richtlinie, weil de facto die erneuerbare Energie in Skandinavien verbraucht würde. Dieses System funktioniert jedoch nur, wenn der betreffende Strom in Skandinavien nicht gleichzeitig auch als Ökostrom deklariert wird. Dies sei jedoch die gängige Praxis, kritisiert Corbey. Der betreffende Strom wird also zweimal als Ökostrom verkauft. Damit würde die von der EU ausgegebenen Quoten zur Steigerung der nachhaltigen Energiegewinnung gezielt manipuliert.

Die EU-Richtlinie über erneuerbare Energien ist seit 2001 in Kraft. Mit der Richtlinie werden für den Strombereich die Grundlagen dafür geschaffen, den Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten EU-Energieverbrauch bis 2010 auf 12 Prozent zu verdoppeln. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden für alle Mitgliedsstaaten indikative Richtziele für den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch festgelegt. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromproduktion der gesamten EU soll danach auf rund 22 Prozent im Jahr 2010 steigen. Nach der EU-Zielsetzung sollen die Niederlanden 14 Prozent ihres Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien bestreiten. Beim heutigen Wert von 2,7 Prozent ist das ein ambitioniertes Ziel. Die EU hat die Möglichkeit des Zertifikatehandels eingeführt, um zum Einen den Mitgliedstaaten eine Chance zu geben, ihre Quoten zu erreichen. Zum Anderen sollten die Einnahmen aus den Zertifikaten dafür verwandt werden, neue regenerative Energiegewinnungsanlagen zu errichten. Durch die Praxis der doppelten Ausweisung von Ökostrom kann das System nicht funktionieren. Die sozialdemokratische Europaabgeordnete fordert eine schnelle Lösung für das Problem: „Die Zertifikate für grünen Strom sind Teil eines Schwindelsystems. Es wird dadurch kein einziger Kubikmeter mehr erneuerbare Energie produziert. Das nehmen die Energieversorger billigend in Kauf“, so Cobey.