Nachrichten Oktober 2008



BILDUNG: Tausende Lehrer streiken in den Niederlanden

Den Bosch. 28. Oktober 2008. FN/NRC/Trouw.

Mit einem so genannten “Staffelstreik” protestieren die Lehrer der weiterführenden Schulen in den Niederlanden gegen ihre hohe Arbeitsbelastung. Die „Streikstaffel“ wird in dieser Woche von Süden nach Norden weitergereicht: Den Anfang machten gestern die Lehrer in den Provinzen Brabant und Limburg, heute und morgen wird in Holland, Seeland, Gelderland, Overijssel, Flevoland und Utrecht gestreikt und am Donnerstag legen die Lehrer im Norden der Niederlande ihre Arbeit nieder.

Anders als die beamteten Lehrer in Deutschland, haben niederländische Lehrer das Recht zu streiken. Das Gehalt und die Arbeitszeit der Lehrkräfte wir in Tarifverträgen festgelegt. Als Arbeitgeber der niederländischen Lehrer tritt die Schulverwaltung (schoolbestuur) der jeweiligen Schule auf. In der Regel sind mehrere Schulen in einem Verwaltungsbezirk zusammengefasst. Als übergeordnete Instanz sind die Schulverwaltungen im VO-Rat zusammengeschlossen. Der Rat ist beispielsweise Ansprechpartner für das Bildungsministerium und tritt als Verhandlungspartner der Arbeitgeberseite bei den Tarifverhandlungen auf. Rund um die aktuellen Arbeitsniederlegungen, die als Warnstreiks gemeint sind, steht vor allem der Leiter des VO-Rates, Sjoerd Slagter im Fokus der Kritik.

Zum wiederholten Mal fordern die Lehrer eine Minderung der Arbeitsbelastung durch die Senkung der wöchentlichen Unterrichtsstunden. Bereits im September kam eine Übereinkunft zustande. Ab dem kommenden Schuljahr sollen Lehrer mit einer vollen Stelle nicht mehr als jährlich 728 Unterrichtsstunden geben müssen, das entspräche rund 18 Unterrichtsstunden in der Woche. Von dieser Regelung ausgenommen sind jedoch die Teilzeit-Lehrkräfte. Die Gewerkschaften lehnen den Kompromiss daher mit dem Verweis auf die Forderung nach Reduzierung der Arbeitsbelastung für alle Lehrer strikt ab. Wim van Teuten, Unterhändler der Gewerkschaft CNV Unterricht erscheint es absurd, dass die Regelung nicht für alle Lehrer gelten soll: „Man kann in einem Sektor in dem fünfzig Prozent der Arbeitnehmer in Teilzeit arbeiten, nicht auf einmal die Hälfte ausschließen.“ Nicht nur die reine Stundenanzahl wird von den streikenden Lehren als Problem empfunden. Die Arbeitsbelastung wird auch durch große Klassengrößen und die zunehmende Anzahl von Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten und Konzentrationsschwächen verstärkt. Diese besonderen Umstände erfordern einen höheren Zeitaufwand für die Vorbereitung der Unterrichtsstunden. „Ich habe vorher in der freien Wirtschaft gearbeitet, aber ich habe noch nie so viele Überstunden gemacht wie jetzt in der Schule“, gab eine streikende Lehrerin in Den Bosch zu bedenken. Die Kunst- und Geschichtslehrerin Anneke Welle erklärte: „Nach den 25 Unterrichtsstunden, die ich pro Woche vor der Klasse stehe, habe ich noch keine Verwaltungsaufgaben erledigt, keine Arbeiten korrigiert und keine Stunden vorbereitet. Ich habe einfach keine Zeit, um gute, lehrreiche Stunden vorzubereiten. Ich laufe kontinuierlich dem Arbeitspensum hinterher.“

Laut VO-Rats-Vorsitzenden Slagter sind die zusätzlich zum Unterricht anfallenden Aufgaben der Lehrer die Ursache für die hohe Arbeitsbelastung. Die Schulen seien in Eigenverantwortung dafür zuständig das zu ändern, indem sie beispielsweise mehr Unterrichtsassistenten zur Betreuung der Schüler einstellen, erklärte er. Aus Sicht der Interessenvertreter der Lehrer sei dies aber keine praktikable Lösung. Ton Rolvink vom Allgemeinen Unterrichtsverband (AOb) kritisiert: „Slagter meint: die Schulleitung regelt das schon. Aber: die Schulleitung steht nicht auf der Seite der Lehrer.“ Nun seien die Lehrer an der Reihe, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen und sollte es zu keiner Einigung kommen, werde es im November notfalls einen landesweiten Streik geben.