Nachrichten Oktober 2008



POLITIK: Vorfälle in Gouda: Medienhype und scharfe Töne

Gouda/Den Haag. CK/NRC/Elsevier/Dagblad. 9. Oktober 2008.

Was mit einem Zwischenfall in Gouda begann, entwickelte sich in den letzten Wochen zu einem regelrechten Medien- und Politikhype. Mitte September weigerte sich die Busgesellschaft Connexxion fünf Tage lang, Goudas Stadtteil Oosterwei anzufahren. Grund dafür waren diverse Zwischenfälle mit Jugendlichen marokkanischer Herkunft, die ihren Höhepunkt in der Bedrohung und Beraubung eines Busfahrers fanden. Zuvor waren Busse mehrfach mit Steinen und Äpfel beworfen worden. Nach Bekannt werden dieser Vorfälle wurde das kleine Viertel innerhalb kürzester Zeit zum Zielpunkt einer Heerschar Journalisten. Es scheint, als hätten diese nur auf einen erneuten „Zwischenfall“ gewartet, der sich in die momentane Islam-Debatte in den Niederlanden einfügen lässt. Die Sprache der Medien war dabei nicht zimperlich: „In den Straßen von Gouda regiert das marokkanische Gesindel“, schrieb beispielsweise „De Telegraaf“.

Auch in der Zweiten Kammer wurden während einer Eildebatte über die Vorfälle scharfe Töne angeschlagen. VVD-Parlamentsmitglied Laetitia Griffith verkündete gar, dass „die Welt in Flammen steht“. Ihr Kollege Hero Brinkman, Mitglied der rechtspopulistischen PVV, spricht von „einer Epidemie marokkanischer Gewalt“ und Geert Wilders – bekannt für seine antiislamischen Äußerungen – forderte sogar den Einsatz des niederländischen Heers in Gouda.

Nachdem sich die Wogen etwas geglättet haben, nimmt nun die Kritik an diesem unverhältnismäßigen Rummel und den scharfen Äußerungen während der Parlamentsdebatte zu. Goudas Bürgermeister Wim Cornelis wirft den Medien vor, seine Stadt aufgrund eines Vorfalls zu einer „Marokkanerstadt“ gemacht zu haben und die innerstädtischen Verbesserungen in den letzten Jahren nicht beachtet zu haben. Noch vor drei Jahren gab es erheblich mehr Zwischenfälle mit einer Gruppe von rund 250 Jugendlichen marokkanischer Herkunft. Seitdem sind die Vorfälle in der Region mit Hilfe von Erziehungs- und Ausbildungsunterstützungen sowie durch eine stärkere Polizeipräsenz um 30 Prozent gesunken. Die Gruppe der unruhestiftenden Jugendlichen hat sich auf 10 Personen reduziert.
In die Kritik geraten ist auch die Art und Weise, wie in der Zweiten Kammer über die Problematik debattiert wurde. Laut Jan Schinkelshoek (CDA) grenzte die Debatte „an politische Hysterie“. Auch Justizminister Hirsch Ballin zeigte sich verärgert über die Debatte, forderte die Politiker auf, sich an die Fakten zu halten und warnte davor „eine ganze Bevölkerungsgruppe zum Sündenbock“ zu machen.

Goudas Bürgermeister Cornelis hat inzwischen einen – noch geheimen – Maßnahmenplan ausgearbeitet, der dem Kabinett überreicht wurde.